Fluchtkind - Weitergabe von Themen der Kriegskinder-Generation
Aufgrund meiner persönlichen Familiengeschichte und im Rahmen der Arbeit mit meinen Klienten[1] fallen mir Themen auf, die in Familien wiederkehren und sich von Generation zu Generation weiter zu vererben scheinen. Als würden nachfolgenden Generationen das (in abgeschwächter Form) erleben und damit thematisch wiederholen, was ihre Eltern oder Großeltern emotional nicht verarbeiten können. Transgenerationale Traumaweitergabe meint genau dieses Phänomen. In diesem Artikel soll es vor allem um die Perspektive gehen, wie wohl kleine Kinder Krieg und Flucht erleben mögen. Er soll Fragen aufwerfen und zum Nachdenken anregen, rund um Themen, die sich so oder so ähnlich daraus ableiten lassen könnten. Der Terminus Fluchtkind steht dabei stellvertretend für Kinder, die in irgendeiner Form ähnliche, ungelöste traumatische Erfahrungen in sich tragen.
Kriegskinder, die vergessene Generation [2]
Ein Kriegskind, das eine Flucht erlebt, bezeichne ich hier als Fluchtkind. Wenn ich seine Perspektive einnehme und mir vorstelle, dass es Hals über Kopf alles zurücklassen muss, ohne wirklich begreifen zu können was gerade vor sich geht, wird mir klar, dass es vor allem Gefühle von Angst, Ohnmacht, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein erfährt. Es erlebt vielleicht auch zum ersten Mal, wie verzweifelt und angsterfüllt, vielleicht sogar panisch, die eigenen Eltern reagieren. Sein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit wird massiv erschüttert. Es verliert mit einem Schlag seinen vertrauten Bezugsrahmen, verlässliche Routinen, sein Zuhause und seine Heimat. Vielleicht verliert es sogar einen geliebten Menschen. Ein Fluchtkind erfährt plötzlich völlig chaotische Verhältnisse, lange Bahnfahrten in zugigen Waggons oder anstrengende Fußmärsche bei klirrender Kälte. Nichts scheint mehr normal zu funktionieren. Vielleicht brennen sich ihm auch Bilder von Verwundeten oder Toten am Wegesrand ein, an denen alle einfach weitergehen. Für Entsetzen, Trauer, Verletzung oder Wut über die eigene Situation bleibt keine Zeit. Mehr noch, jeder Gefühlsausbruch könnte vermutlich die Sicherheit der Gruppe gefährden, mit der es unterwegs ist. Kein Wunder also, dass Fluchtkinder lernen müssen, ihre Gefühle zu verbergen. In so einer Situation zählt nichts Individuelles mehr. Die eigenen Bedürfnisse sind absolut der Gruppe und dem Ziel unterzuordnen, unbeschadet voran zu kommen. Sie müssen sich unauffällig verhalten, dürfen nichts brauchen und sollen möglichst wie ein Motor funktionieren. Krank werden oder schwach sein, ist keine Option, denn es geht immer weiter, egal wie erschöpft oder hungrig sie gerade sind.
Du darfst nicht verloren gehen!
Verlust erscheint mir eins der zentralen Motive, egal welches Szenario ich mir vorstelle. Es wird wohl keine Familie in dieser Zeit geben, die nicht irgendeinen Verlust zu beklagen hat. Sei es der Verlust von nahestehenden Menschen, der eigenen Gesundheit, von Heimat, Zuhause, materiellem Besitz und vor allem von dem Gefühl, sicher zu sein. Ein Fluchtkind, das mit seiner Familie unterwegs ist, hat sicherlich eine Botschaft eingeprägt bekommen: Du darfst nicht verloren gehen! Denn wenn es eine Chance auf ein Überleben geben soll, dann nur in der Gemeinschaft, die noch einen gewissen Schutz bieten kann. Die hilfsbedürftigen Kleinen haben alleine sicherlich keine Chance. Ich stelle mir vor, wie diese Situation alle Betroffenen auf eine gewisse Weise zusammenschweißt. Wer zurückbleibt, scheint verloren, denn der Weg zurück ist versperrt. Es geht nur vorwärts weiter. Das ist etwas, was mir in der heutigen Gesellschaft auch auffällt: es scheint bei manchen Themen geradezu unmöglich, einen Stopp einzulegen, vielleicht sogar zurück zu rudern, um die Situation zu klären. Vor allem da, wo eine ehrliche Bilanz notwendig wäre, ein Anerkennen der Situation wie sie wirklich ist, auch wenn sie einem nicht gefällt. Auch Aufgeben kann heute eine gute Lösung sein. Vor allem dann, wenn ein Weiter keinen Sinn mehr macht. Doch wer gelernt hat, dass Stehenbleiben oder Zurückgehen den sicheren Tod bedeutet, wäre dazu wohl nicht in der Lage. Wer diese Erfahrungen trägt scheint einfach weiter zu funktionieren, auch wenn das möglicherweise sinnlos ist und vielleicht sogar im eigenen Burnout endet. Nicht mehr weiter zu können, käme in einer Flucht-Situation einer Kapitulation gleich und scheint auch manchen Nachkommen nicht mehr als Option zur Verfügung zu stehen. Vielleicht erklärt das auch Gefühle von Getrieben sein und innerer Unruhe, die mir im therapeutischen Setting so viele Jahrzehnte später immer wieder begegnen, vor allem, wenn sie den Betroffenen selbst unerklärlich scheinen.
Die Unfähigkeit zu trauern
Für echte Trauer, ein Prozess, an dessen Ende irgendwann die Akzeptanz des Verlorenen steht, ist vermutlich in den Wirren eines Krieges keine Zeit. Wo sollte man da auch anfangen? Später, in Sicherheit, geht es zunächst nur darum, die Erfüllung der notwendigen Grundbedürfnisse[3] zu gewährleisten: Nahrung, Wasser, Unterkunft, Schlaf, Sicherheit. Und wenn der Neuanfang endlich glückt, wer wird da freiwillig gedanklich zurückkehren in die schrecklichen, vergangenen Erlebnisse, um sie zu betrauern? Wie es das Ehepaar Mitscherlich in ihrem Buch Die Unfähigkeit zu trauern[4] beschreiben, scheinen die Verluste einer ganzen Generation nicht verarbeitet zu sein. Da verwundert es nicht, dass Fluchtkinder dieses Unvermögen später auch an ihre Kinder weitergeben. Wie sollen sie auch etwas an die nachfolgende Generation vermitteln, was sie selbst nicht erfahren? Als wäre die fehlende Trauer wie eine Leerstelle in ihnen verankert, eine Nicht-Erfahrung, an die sie doch irgendwie gebunden zu bleiben scheinen. Vielleicht vergleichbar mit all den nicht mehr gefühlten Gefühlen, die in solchen Situationen zu überwältigend wären, um sie zulassen zu können. Wie gut, dass die menschliche Psyche in diesen Momenten der Not auf den Mechanismus der Spaltung zurückgreifen kann. Doch eine Nichtverarbeitung fordert einen Tribut, den vielleicht auch noch die Nachkommen zu zahlen haben. Das wirft für mich unter anderem die Frage auf, wie die Gesellschaft heute mit Verlusten umgeht. Können sie wirklich betrauert werden? Oder lenken sich die Menschen lieber ab, statt innezuhalten und das unwiederbringlich Verlorene anzuerkennen? Vielleicht würde dieser Vorgang ja heute auch noch all die ungeweinten Tränen berühren, die so lange in den Familien zurückgehalten werden?
Ordne Dich unter! Sonst bringst Du die Gruppe in Gefahr
In einer Flucht-Situation geht es um die pure Existenz. Für ein normales Kindsein ist da kein Raum. Wildheit, Unberechenbarkeit, Neugierde, Experimentierfreude, pure Lebenslust und Emotionalität könnten die gesamte Gruppe in Gefahr bringen, stelle ich mir vor. So muss sich ein Fluchtkind aus Sicherheitsgründen vermutlich völlig unterordnen und anpassen, wie die Erwachsenen auch. Seine Impulsivität und Lebendigkeit wird es wohl oder übel unterdrücken müssen. Es gibt nur noch ein wir. Entweder alle, oder keiner. Und ein Fluchtkind passt sich an. Es spürt, dass es keine andere Möglichkeit hat, weil es um das blanke Überleben geht. Doch es zahlt einen hohen Preis: Unterordnung und Anpassung fordern den Tribut der eigenen Individualität. So lernt es vermutlich, sich still zu verhalten, keine Emotionen zu zeigen und opfert damit sein Kindsein, ohne es selbst zu merken. Es lernt zu funktionieren um zu überleben. Dafür erhält es vermutlich Zustimmung und Anerkennung von den Erwachsenen, mehr als verständlich in so einer Situation. Alles, was auffällig wäre, ist wohl unbedingt zu vermeiden. Ich erlebe wie viele Menschen auch heute noch Schwierigkeiten haben, Gefühle wie Wut, Aggression, Angst, Trotz und Unzufriedenheit angemessen zu äußern. Als wären diese „lauten“ und „unbequemen“ Emotionen, die etwas für das Eigene Ich fordern, auch in späteren Generationen völlig gehemmt. Als müssten sie sich auch heute noch komplett zurücknehmen, um ja keinen Konflikt zu erzeugen, der irgendwelche Komplikationen verursachen könnte. Dabei denke ich auch an die Burgfamilie, die Harmonie erzwingt und sich von allem, was als außerhalb empfunden wird, massiv abgrenzt. Auch hier gibt es offene oder non-verbale Forderungen nach bedingungsloser Anpassung und Unterordnung.
Macht und Ohnmacht und der verzweifelte Versuch, ein bisschen Macht zu behalten
Wenn ich mir also vorstelle, mit welchen Ohnmachtsgefühlen ein Fluchtkind in so einer Situation konfrontiert sein muss, dann wundert es mich nicht, dass es diese im Laufe seines späteren Lebens unbedingt abwehren muss. Spürt es als Erwachsener Gefühle von Hilflosigkeit, bestünde wohl die Gefahr, auch mit den alten, unverarbeiteten Erfahrungen der Kindheit in Berührung zu kommen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass sie Tendenzen entwickeln können, möglichst die Kontrolle über sich und andere zu behalten, vielleicht sogar ihr Umfeld zu manipulieren. Denn Macht und Kontrolle vermitteln Gefühle von Überlegenheit und das erzeugt eine vermeintliche Sicherheit. Natürlich lässt sich das Leben nicht kontrollieren, die eigenen Kinder hingegen leider schon. So können Erfahrungen, die selber als so unaushaltsam empfunden werden, unbewusst an die eigenen Nachkommen weitergegeben werden. Denn wer Macht und Kontrolle an sich selbst erfährt, erlebt Hilflosigkeit und Ohnmacht, die später wiederum durch Macht und Kontrolle abgewehrt werden könnte, sobald man am längeren Hebel sitzt. Ein Teufelskreis, der wie ein undurchsichtiges Band, die Generationen miteinander zu verstricken scheint. Siehe dazu auch mein Artikel Hilfe mein Vater wird alt. Außerdem stelle ich mir die Frage, ob wohl solche Grunderfahrungen in Bezug auf Depression eine Rolle spielen könnten, bei der ja unter anderem Gefühle von Gefühllosigkeit und Nicht-Können, Antriebslosigkeit und einer inneren Leere auftreten.
Du musst Funktionieren!
Stelle ich mir die Verhältnisse auf einer Flucht vor, wird mir außerdem klar, dass alle, die das erleben müssen, zu funktionieren haben. Die Atmosphäre ist sicherlich bis zum Zerreißen gespannt und gerade die Kinder werden diesen enormen Druck in so einer Ausnahmesituation spüren. Alle stehen vermutlich dauerhaft unter Adrenalin, um so eine Situation überhaupt bewältigen zu können. Was in dem Moment sinnvoll ist, scheint vor allem dann noch in späteren Generationen wirksam zu sein, wenn die Auflösung, und damit die Verarbeitung, solcher Erfahrungen ausbleibt. Ob es hier einen Zusammenhang gibt mit Phänomenen von permanenter Unruhe und Anspannung wäre sicherlich auch untersuchenswert. Teilweise scheint mir bei Betroffenen das Nervensystem so alarmiert, als befänden sie sich in einer andauernden Gefahrensituation, in der es nur um Kampf und Überleben geht. Mir fällt außerdem auf, wie wenig heute Krankheit oder Schwäche akzeptabel erscheinen, als wäre die Vorstellung vom eigenen Stillstand oder Nicht-Funktionieren schier unerträglich. Gerade in Anbetracht der steigenden Burnout-Zahlen ist es sicherlich eine Überlegung wert den Blick zu erweitern auf die Biografien der eigenen Eltern und Großeltern. Welche Glaubenssätze sind möglicherweise noch wirksam, obwohl sie in der heutigen Zeit vielleicht gar keinen Sinn mehr machen?
Du darfst nichts brauchen! Die eigenen Bedürfnisse hintenanstellen
Wie schon im Text beschrieben, können gerade die Kinder in Flucht- oder Kriegs-Situationen aus meiner Sicht nur lernen, dass sie nichts für sich selber brauchen dürfen. Denn was bedeuten schon Unwohlsein oder Nicht-weiter-wollen, wenn der sichere Tod drohen könnte? Alle kindlichen Forderungen oder Ansprüche, so berechtigt sie auch aus der Perspektive eines kleinen Kindes sein mögen, verlieren vermutlich in solchen Situationen ihre Berechtigung. Aber was folgt für diese Fluchtkinder daraus? Sie passen sich bedingungslos an, ordnen sich unter und stellen das Gemeinwohl über ihre eigenen Bedürfnisse. Doch sie zahlen auch hier einen hohen Preis. Denn sie müssen das übergehen, was sie eigentlich in diesem jungen Alter lernen sollten: nein zu sagen, ihre Grenzen zu äußern und die Erfahrung zu machen, dass ihre Grundbedürfnisse okay sind, egal wie unbequem das vielleicht gerade für die Erwachsenen ist. Stattdessen mache sie vermutlich die Erfahrung, dass krank, erschöpft oder schwach zu sein nicht okay ist und beziehen das vielleicht auf sich: ich bin nicht okay, wenn ich etwas brauche oder nicht mehr kann. Ein verheerender Glaubenssatz, wenn er nicht irgendwann bearbeitet und aufgelöst wird. So scheint es kaum verwunderlich, dass damit vielleicht auch heute noch die Kompetenz, sinnvolle Grenzen zu setzen, erst mühsam wieder erlernt werden muss, wenn solche Erfahrungen in Familiensystemen nicht vorgelebt werden können.
Tempo ist gut – wir müssen weiter
Mir begegnen nach wie vor Menschen, die ein hohes Tempo in sich zu tragen scheinen. Alles soll schnell und reibungslos gehen, bloß kein Stillstand, als müssten Anhalten oder Entspannen unbedingt vermieden werden. Solche Menschen scheinen irgendwie von einer inneren Macht getrieben, als hätten sie keine Zeit, als müssten sie immerzu etwas machen. Vor dem Hintergrund eines Flucht-Szenarios ist das äußerst verständlich, denn so eine Situation könnte in etwa fordern: beeile dich! Bleib nicht zurück! Doch kleine Kinder verstehen solche Regeln nicht kognitiv. Sie spüren einfach die Notwendigkeit, schnell voran zu kommen, um zu überleben. Diese Gefühle von sich beeilen müssen und emotionaler Dringlichkeit bleiben ihnen vielleicht ihr Leben lang erhalten und übertragen sich später auf deren Kinder oder Kindeskinder, wenn sie nicht bewusst werden können. Einfach, weil im Familiensystem ein unglaubliches Tempo vorherrscht.
Das ist alles nur ein großes Abenteuer! Gut gemeinte Double Binds
Wird den Fluchtkindern in einer lebensbedrohlichen Situation erzählt, dass alles nur ein großes Abenteuer ist, dann ist das zwar in dem Moment sicher gut gemeint, um sie zu beruhigen und zu schützen, vor dem brutalen Ausmaß der Gefahren. Doch was von den Erwachsenen gut gedacht ist, fordert von den Kindern einen Zoll. Denn sie spüren, dass sich alle in einer Existenz bedrohenden Situation befinden, die nichts, aber auch gar nichts mit einem harmlosen Spiel zu tun hat. Obwohl ihnen vorgemacht wird, dass alles wieder gut wird, merken sie doch die Angst, den Schrecken, das Grauen und die Gefahren, in denen sich alle befinden. Nichts wird jemals wieder so werden, wie es war. Die Worte, die sie hören, klaffen signifikant mit den Erfahrungen, die sie machen, auseinander. Sie erhalten widersprüchliche Botschaften, so genannte Double Binds: das, was sie fühlen passt überhaupt nicht mehr zu dem, was ihnen gesagt wird. Auch wenn ihnen die Erwachsenen vorzumachen zu versuchen, dass alles nicht so schlimm ist, so erleben sie doch reale Gefahren und Verluste, die vermutlich noch nicht einmal anerkannt und betrauert werden können. Vielleicht werden die Fluchtkinder auch zum Leise-Sein oder Funktionieren überredet oder erleben, wie die Situation verharmlost wird, um sie zu beruhigen. Was lernen diese Kinder daraus? Das, was sie fühlen, erleben und sehen, stimmt nicht. Denn alles ist ganz harmlos. Wie sollen diese Menschen später jemals ihren eigenen Empfindungen und Wahrnehmungen vertrauen? Wie sollen sie ein Urvertrauen an ihre Kinder und Kindeskinder weitergeben? Heute würde man das Gaslighting nennen, was allerdings impliziert, dass eine Absicht dahintersteckt. In einer Flucht-Situation ist das sicher anders, doch das bewusste Verwirren, auch wenn es zum Schutz aller passiert, findet in dem Moment ja leider trotzdem statt.
Alle müssen dasselbe wollen
Wie schon erwähnt, gibt es vermutlich in einer Gruppe von Menschen, die zusammen fliehen, nur ein Ziel: das nackte Überleben. Dem hat sich jedes Individuum unterzuordnen, egal, wie alt es ist. Dass in dem Moment Zugehörigkeit zum Zwang wird, spielt in einer lebensbedrohlichen Situation keine Rolle. Harmonie und Einigkeit sind vermutlich das Gebot der Stunde und die Individualität bleibt auf der Strecke. Ich frage mich, ob das für die Fluchtkinder jemals aufgelöst werden kann oder in wieweit sie das ihr Leben lang in sich tragen. Aus meiner Sicht macht es einen entscheidenden Unterschied, in welchem Alter so eine Erfahrung gemacht werden muss. Wer das als junger Erwachsener erlebt, kann diese Situation für sich klar einem Zeitraum zuordnen, der eine Ausnahmesituation darstellt. Es gibt noch etwas, was davor erinnert werden kann. Wer das als kleines Kind erleben muss, identifiziert sich vermutlich wesentlich mehr mit dem Geschehen, vielleicht ohne sich jemals wieder davon lösen zu können. Wenn ich bedenke, dass gerade den Kriegskindern in der Nachkriegszeit vor allem die Botschaft vermittelt wird, dass sie nichts haben, einfach, weil sie noch am Leben sind, so erklärt das vielleicht auch die Überzeugung einer ganzen Generation, dass sie die Kriegs-Ereignisse unbeschadet überstehen. Ein Trugschluss aus meiner Sicht. Auch die Überlebens-Schuld sei hier erwähnt, die bei denjenigen entstehen kann, die solche Schrecken überleben, gerade wenn nahe Angehörige dieses Glück nicht haben. In Anbetracht all dieser Aspekte frage ich mich, ob die Zunahme von Demenz vielleicht auch vor diesem Hintergrund betrachtet werden kann. Denn Demenz ist ja auch eine Verlusterfahrung: neben Fähigkeiten, Erfahrungen und Erinnerungen geht am Ende auch die eigene Identität verloren.
Festbeißen an liebgewonnen Routinen und Gewohnheiten
Stelle ich mir die chaotischen Verhältnisse vor, die bei einer Flucht vorherrschen, wird mir klar, wie beruhigend Routinen und Gewohnheiten auf die betroffenen Kinder wirken mögen. Auf Basis ihrer erzwungenen Veränderungserfahrung wird wohl alles, was erhalten bleibt, verlockend für sie erscheinen. Kein Wunder also, wenn sie später versuchen, möglichst die Kontrolle zu behalten und sich an das, was ist, verzweifelt festhalten wollen. Wenn ich mir das überlege, erscheint es mir nur logisch, dass ein Fluchtkind möglicherweise bis ins hohe Alter versuchen wird, Veränderungen grundsätzlich zu vermeiden. Werden diese altersbedingt aber notwendig, so macht es das vor allem für ihre Angehörigen schwierig, die diesem Prozess beiwohnen und unterstützen wollen. In wieweit hat das auch Einfluss auf die heutige Gesellschaft? Wie gut gelingt es jetzt den Menschen, mit notwendigen Veränderungen umzugehen, vor allem, wenn sie nicht freiwillig erfolgen? Und welche Rolle spielen hier familiäre Erfahrungen, die niemals wirklich verarbeitet wurden?
Fazit:
Ich bin mir durchaus bewusst, dass diese Perspektive nur eine von vielen ist und sich die Verstrickungen in die Themen der heutigen Generationen nicht mit Bestimmtheit beweisen lassen. Das, was in Kriegs- und Vertreibungssituationen erlebt wird, hat mit vielen Faktoren zu tun, wie schon eingangs erwähnt. Auch Kinder, die damals Bombenangriffe in Luftschutzkellern erleben, tragen sicher deutliche Spuren in sich. Genauso wie die Kinder, die zu ihrer eigenen Sicherheit ohne ihre Angehörigen aufs Land verschickt zu werden. Was all diese Kinder durchmachen müssen, kann ich mir nur schwer vorstellen. Aus meiner Perspektive lohnt es sich, die Erfahrungen der eigenen Eltern und Großeltern als Familien-Hintergrund mit zu beleuchten, vor allem, wenn es heute um unerklärliche Phänomene geht. Ich hoffe außerdem auf ein Umdenken der Menschen, weg von kriegerischen Handlungen hin zu einem friedlichen Miteinander. Denn Krieg zerstört, egal auf welcher Seite man sich befindet.
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Tabus sind Sprech- und Handlungsverbote, die mit Schweigen und Vermeidung einhergehen. Kinder spüren sehr genau, welche Themen in einer Familie besser nicht berührt werden. Sie haben sehr feine Antennen und bemerken, wie ihre Eltern in bestimmten Situationen reagieren. Sie nehmen vielleicht ein unangenehmes Schweigen wahr, eine Atmosphäre, die im Raum entsteht, wenn ein Tabu berührt wird. Das, was die eine Generation aus Angst, Scham- oder Schuldgefühlen verschweigt, wird oft unbewusst als etwas Diffuses, als eine unbestimmte Erfahrung, in die nächste(n) Generation(en) weitergegeben, wenn es nicht ausgedrückt werden kann. Man spricht auch von transgenerationaler Traumaweitergabe. Gerade wenn in Familien Themen symbolhaft wiederkehren, lohnt sich ein Blick in die Biografie, um einen größeren Sinn-Zusammenhang herstellen zu können. Sollen Tabus gelöst werden, muss das Unsagbare zunächst erfasst und dann ausgedrückt werden können. Bleiben Tabus unausgesprochen, können sie eine unglaubliche Bindungskraft erzeugen.
Bei Gefühlserbschaften werden ungelöste Themen, Traumata, Ängste oder Schuldgefühle in die nachfolgende Generation weitergegeben, meist ohne es zu merken. Es eignet sich eigentlich alles zur Weitergabe, was mit starken Gefühlen aufgeladen ist und unverarbeitet bleiben muss. Kinder beobachten ihre Eltern sehr genau. Sie lernen deren Reaktionen, nehmen deren (unverdaute) Emotionen wahr, spüren Tabus oder Leerstellen, die besser nicht berührt werden dürfen. So tauchen bestimmte Verhaltensweisen und Muster von Generation zu Generation wieder auf, wie Untote, die einfach nicht zur Ruhe kommen. Auch wenn sich das geerbte Material von Generation zu Generation abschwächt, so ist es gerade für die Erben schwierig, diese Themen wirklich zu lösen. Die Grenzen zwischen den Generationen können nämlich so stark verschwimmen, dass es wirklich schwierig wird zu unterscheiden, was nun zu einem selbst gehört und was zu den anderen. Denn bei einer Gefühlserbschaft wird die Ursache nicht erlebt, aber die Wirkung geerbt. Das kann sehr verwirrend sein.