Erzwungene Harmonie

Wenn Unterschiede zur Bedrohung werden

In Familien, in denen alles harmonisch ablaufen muss, darf es weder Konflikte noch Unterschiede geben. Alle Familienmitglieder müssen mehr oder weniger dieselben Ansichten haben, die sich mit der Meinung der Eltern (oder des dominanten Elternteils) decken. Fachlich spricht man von Konfluenz[1] (lateinisch con „mit“, „zusammen“ und fluere „fließen“), einem Zusammentreffen oder Verschmelzen zweier oder mehrerer Objekte zu einem Ganzen. In diesen Familien verfließen die inneren Grenzen der Beteiligten ineinander und das Individuelle löst sich darin langsam und kontinuierlich auf. Vermeintlich zum Wohle des ganzen Gefüges, meist so, dass es den betroffenen Kindern lange nicht auffällt. Vordergründig herrscht in diesen Familien eitel Freude Sonnenschein. Was der Einzelne für sich will, hat sich der Harmonie und Gleichheit unterzuordnen, die über allem zu stehen scheint. Vor allem, wenn sich das eigene Wollen von dem der anderen abgrenzen möchte, wird es so lange abgeschliffen oder eingegliedert, bis wieder ein harmonisches Ganzes entsteht, in dem nichts und niemand wirklich hervorstechen kann.

Die individuelle Entwicklung wird verhindert

Echte Ablöseprozesse, bei denen sich ein Familienmitglied völlig unabhängig und individuell entwickeln kann, sind in dieser Umgebung kaum möglich. Eine Entfaltung kann nur in dem Rahmen passieren, der von der Familie für gut befunden und akzeptiert wird. Interessiert sich ein Teenager[2] während der Pubertät zum Beispiel für eine Sportart, die so gar nicht zu den familiären Interessen passen will, dann wird das neue Hobby entweder so lange ins Lächerliche gezogen und damit abgewertet, bis die Idee freiwillig fallengelassen wird, oder es ist plötzlich die Sportart, die alle schon immer toll finden. Damit wird die familiäre Grenze genau soweit verschoben, dass das zunächst Unpassende als akzeptabel aufgenommen ist. Der Versuch des Jugendlichen, sich zu unterscheiden und damit sich abnabeln zu können, ist fehlgeschlagen. Eine eigene Meinung, ja eigentlich eine eigene Persönlichkeit, kann so nicht wirklich entstehen, denn die Entwicklungsmöglichkeiten bleiben auf den familiären Korridor beschränkt. Frei nach dem Motto: mache was Du willst, aber bleibe in unserer Komfortzone.

Auswirkungen auf die eigenen Beziehungen

Kinder, die so aufwachsen, haben ein sehr starkes Bedürfnis nach Harmonie und Gleichheit. Denn sie haben nicht gelernt, wie sie mit Disharmonien und Unterschieden umgehen sollen. Im Gegenteil, solche Zustände werden tendenziell eher als bedrohlich wahrgenommen und dadurch verständlicherweise vermieden. So werden diese Menschen im späteren Leben versuchen, auch in ihren Beziehungen und Partnerschaften stets Harmonie herzustellen und Konflikte zu vermeiden. Das kann entweder geschehen, indem sie ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zugunsten des Partners, der Kinder, der Familie, Freunde und Kollegen opfern. Oder sie versuchen ihre Umwelt so zu beeinflussen, bis andere ihren Willen erfüllen. Menschen, die konfluent aufwachsen, fällt es äußerst schwer zu ihren Bedürfnissen offen zu stehen. Die Gefahr einer offenen Auseinandersetzung wäre viel zu groß. So neigen sie eher zu Methoden der verdeckten Manipulation, Überredung oder Schmeicheleien, um das von ihnen Gewünschte zu erreichen.

Konfluenz entsteht aus einem Loyalitätskonflikt

Im Kern der Konfluenz liegt ein Loyalitätskonflikt, da Kinder ihren Eltern gegenüber bedingungslos loyal sind. Sie lernen sehr früh, ihre eigenen Interessen der Familie unterzuordnen, falls diese kontrovers sind und mit den Bedürfnissen der Gemeinschaft unvereinbar. Sie spüren genau, was die Eltern von ihnen erwarten bzw. brauchen und sind mehr als bereit, das erwünschte Verhalten zu zeigen, das durchweg positiv verstärkt wird. So passen sich die Kinder an. Im Laufe der Zeit sind ihre individuellen Seiten soweit abgetragen, bis sie das Bild erfüllen, dass ihre Eltern in ihnen sehen wollen. Nachdem alle in der Familie dasselbe wollen sollen, können die Kinder irgendwann nicht mehr unterscheiden, ob das jetzt ihr eigener Wunsch ist, den sie gerade erfüllen, oder der ihrer Eltern. Sie beginnen zu glauben, dass sie das alles aus freien Stücken tun, auf eigenen Wunsch.

Konfluenz hat einen hohen Preis

Wer als Kind in einer konfluenten Familie aufwächst, in der immer wieder untereinander eine Übereinstimmung hergestellt werden muss, gibt im Gegenzug sukzessive seine Individualität auf. Er2 lernt nicht, dass Wut, Zorn, Neid und Eifersucht normale Gefühle sind, die unter anderem helfen, sich abzugrenzen und vor allem, sich zu unterscheiden. Solche Gefühle sind in krankhaft harmonischen Familien unerwünscht, tragen sie ja ein enormes Konfliktpotenzial in sich. In diesen Familien muss ein unausgesprochener und damit unbewusster Nicht-Angriffs-Pakt unterschrieben werden, der es unmöglich macht, gegen den Bruder oder die Mutter das zu sagen, was man gerade wirklich denkt (sonst wäre der Burg-Frieden dahin). So werden diese Art der Gefühle von allen unterdrückt, um vordergründig das Familienklima zu stabilisieren. Hintergründig brodelt es verständlicherweise unter der Fassade, denn keine Familie kann immer ohne Konflikte auskommen. Das kann zu einer völligen Aggressionshemmung führen, was die Menschen unfähig macht, sich aggressiven Zeitgenossen in den Weg zu stellen, um die eigenen Grenzen zu verteidigen.

Lerneffekte aus erzwungener Harmonie

Manipulatives, passiv-aggressives Verhalten ist eine logische Konsequenz aus erzwungener Harmonie, da offene Konflikte vermieden und unterdrückt werden müssen. Darüber hinaus entstehen starke Hemmungen, die Gefühle auszudrücken, die in der Familie als „unerwünscht“ markiert sind. Das kann so weit gehen, dass es auch gegenüber Freunden, Kollegen und vielleicht sogar dem eigenen Partner2 sehr schwer fällt, sich abzugrenzen. In diesen Familien werden gerade Gefühle der Wut als aggressiv eingestuft und von Anfang an im Keim erstickt. So lernen die betroffenen Kinder nicht, wann sie sich wütend fühlen und warum. Sie merken im Laufe der Zeit nicht mehr, dass ihre Grenzen verletzt werden und ihnen steht die gesunde Wut, die ja zur Abgrenzung benötigt wird, irgendwann nicht mehr zur Verfügung.

Folgen aus der erzwungenen Konfluenz

Menschen, die in harmoniebedürftigen Familien aufwachsen halten Disharmonien und Konflikte nur sehr schwer aus. Sie werden sich tendenziell auch für Konflikte schuldig und verantwortlich fühlen. Dass sie als Kinder (unbewusst) eine unerfüllbare Aufgabe angenommen haben, nämlich die Harmonie in der Familie nicht zu verletzen und im Zweifelsfalle wieder herzustellen, ist ihnen nicht klar. Es fällt ihnen einfach extrem schwer, sich gegenüber anderen Menschen abzugrenzen. Eine Abgrenzung geht immer auch mit einer Unterscheidung einher: Du bist so, ich bin so. Da sich Unterschiede für sie ehr bedrohlich anfühlen, werden sie immer wieder versuchen Harmonie herzustellen, egal zu welchem Preis. Es ist für sie außerdem normal, die Meinung ihres engen Umfeldes ungefiltert als ihre Eigene zu übernehmen und sich damit zu identifizieren. Damit können sie leicht zum Opfer von Manipulation oder Ausnutzung werden, denn sie erwarten weder Konflikte noch erkennen sie manipulatives Verhalten.  Ein gefundenes Fressen für Menschen mit starken narzisstischen Anteilen. Eine erzwungene Übereinstimmung erzeugt über kurz oder lang Wut und Aggression in der Familie. Sie muss vor allem dann unterdrückt werden, wenn ein Machtgefällt besteht, wie zum Beispiel zwischen Eltern und Kindern. Aggressive Gefühle stauen sich so an, können nicht nach außen und werden daher eher gegen sich selbst gerichtet. Selbstverletzendes Verhalten oder Essstörungen können die Folge sein.

Wege aus der Konfluenz

Wer in zwangsweise harmonischen Familien aufgewachsen ist, kann Unterschiede sehr gut gleichmachen und eingliedern. Das ist der Schlüssel, um sich zukünftig abgrenzen zu können. Es ist wichtig für diese Menschen zu merken, wann sie anfangen, den anderen abschleifen und so verändern zu wollen, dass er besser zu ihnen passt. Das ist genau der Mechanismus, den sie selbst als Kinder erfahren haben. Sie können lernen Unterschiede als wertvoll zu betrachten, sie nicht länger weghaben zu wollen. Zu erkennen und zu akzeptieren, dass der Partner ein anderer Mensch ist, der andere Bedürfnisse und Wünsche hat, ist ein großer Schritt. Darüber hinaus braucht es einen klaren und vor allem realistischen Blick. Keine Beziehung ist ausschließlich harmonisch. Konflikte gehören dazu. Sich vorzumachen, alles müsste immer angenehm und übereinstimmend sein, ist Selbstbetrug. Wer sich angesprochen fühlt, kann sich auch therapeutische Hilfe suchen, um diesen Entwicklungsweg gemeinsam gehen zu können.

[1]https://de.wikipedia.org/wiki/Konfluenz#:~:text=Konfluenz%20(lat.,nur%20h%C3%B6chstens%20eine%20Normalform%20zuzuordnen
[2] m/w/d

  • Wenn Dir Unterschiede tendenziell eher Angst machen, kann das ein Hinweis darauf sein, dass Du versuchst, Harmonie herzustellen.
  • Achte darauf, ob Du anfängst, Unterschiede auszublenden. Das könnte dazu führen, dass Du Merkmale am anderen übersiehst, die eigentlich gar nicht zu Dir passen.
  • Harmonie ist ein herrlicher Zustand, doch wenn Du Harmonie dauerhaft brauchst, zahlst Du einen hohen Preis.
  • Lerne in kleinen Schritten, dass Unterschiede auch etwas Schönes seien können, die das eigene Leben bereichern.
  • Lerne zu unterscheiden, was der andere braucht und was Du brauchst um glücklich zu sein. Wie weit darf das voneinander abweichen, ohne dass es Dir Stress verursacht?
  • Je besser Du erkennst und spürst, was Du selber brauchst, damit es Dir gutgeht, desto einfacher wirst Du damit umgehen können, wenn das für jemand anderes anders ist.
  • Wenn Du die Tendenz bei Dir merkst, Dich in Beziehungen zu sehr an den anderen anzupassen, hast Du den ersten Schritt bereits geschafft.
  • Werde wach, in welchen Situationen Du etwas denkst wie „ne, ist schon okay, dann bleiben wir heute zu Hause“, obwohl Du eigentlich lieber ins Kino gegangen wärst.
  • Wenn Du immer wieder Deine eigenen Wünsche und Bedürfnisse hintenanstellst, zahlst Du auf Dauer einen zu teuren Preis.
  • Werde Dir klar, was Deine Motivation ist, das zu tun. Hast Du Angst, dann nicht mehr geliebt oder vielleicht sogar verlassen zu werden? Und ist das realistisch?
  • Eine ehrliche Kommunikation darüber, was Du eigentlich möchtest, hilft auch Deinem Partner (immer m/w/d). Woher soll er auch wissen, was in Dir vorgeht? Und worauf Du möglicherweise sehr häufig verzichtest?
  • Da diese Tendenz sehr tief in Dir verankert sein kann, ist es hier vermutlich sinnvoll, Dich bei diesem Prozess unterstützen zu lassen.
  • Siehe dazu auch „wie lernen ich, Grenzen zu setzen?“
  • Wer als Kind in einem Umfeld aufwächst, in dem Konflikte quasi nicht vorkommen dürfen, tut sich schwer, sich Konflikten zu stellen. Im Gegenteil, er (immer m/w/d) wird lernen, Konflikte zu meiden.
  • Wenn Du lernen willst, Dich Konflikten zu stellen, brauchst Du zunächst die Erkenntnis, dass Du (fast) alles tun würdest, um Konflikte zu vermeiden. Das ist okay, denn das ist eine Anpassung an frühere Erfahrungen. Doch es hilft Dir heute nicht wirklich weiter.
  • Um Konflikte aktiv anzugehen brauchst Du eine Energie, die bei Dir vermutlich gehemmt ist: die Aggression. Nicht falsch verstehen, hier geht es um eine gesunde Aggression, die Dir hilft, deine Grenzen zu wahren oder Dich besser für Dich selbst einzusetzen.
  • Konflikte austragen hat also auch mit Grenzen setzen zu tun, Siehe dazu auch „wie lernen ich, Grenzen zu setzen?“
  • Wichtig ist zu verstehen, dass Du so eine Anpassung, die Jahre oder vielleicht sogar Jahrzehnte besteht, nicht von jetzt auf gleich ändern kannst. Das ist vielmehr ein Weg der kleinen Schritte und erfahrungsgemäß tust Du gut daran, Dir Hilfe bei einem erfahrenen Coach oder Therapeuten zu suchen.
  • Menschen, die in ihren Familien keine oder nur unzureichende Grenzerfahrungen machen durften, tragen als Erwachsene das, was ich als das gläserne Kind bezeichne. Ein inneres Kind, das keine gesunden Grenzen kennt.
  • Sie haben schon sehr früh die Erfahrung gemacht, dass ihr Eigenes, also ihre Wünsche, Bedürfnisse, Sorgen und Nöte nicht respektiert, vielleicht sogar übergangen, verleugnet oder wegrationalisiert wurden. So nach dem Motto Du hast doch gar nichts, oder stell Dich nicht so an.
  • Vielleicht wurden sie auch mit ihren Gefühlen, also in ihrem So Sein, vorgeführt, verlacht oder beschämt. So lernen sie entweder, gar nichts mehr von sich zu zeigen, oder eben alles, als wären sie aus Glas und völlig durchsichtig.
  • Wer diese Glas-Anpassung vollzieht, scheint auch als Erwachsener sein Inneres lieber in vorauseilendem Gehorsam vor der Welt auszubreiten, als etwas für sich zu behalten und damit vielleicht die eigenen Grenzen zu achten.
  • In so einem Fall wird es in einer Therapie unter anderem auch darum gehen, die eigenen, gesunden Grenzen überhaupt erst einmal wahrzunehmen, nach außen hin zu setzen und im Notfall auch zu verteidigen.
  • Denn niemand braucht wirklich alles zu wissen oder zu verstehen, was im eigenen Inneren so vor sich geht.
  • Siehe dazu auch Was ist das innere Kind?

Wer als Kind bereits schwere oder häufige Grenzverletzungen erleben muss, wird verlernen, wo die eigenen Grenzen liegen. Er (immer m/w/d) wird anderen auch im Erwachsenenalter erlauben, in den eigenen Raum vorzudringen, häufig sogar, ohne es zu merken. Denn das Konzept der Grenzen scheint ihm fremd. Es wird ihm vermutlich außerdem schwerfallen, die eigenen Begierden abzuwehren und er könnte dadurch später mit Suchterfahrungen konfrontiert sein. Dieses Phänomen geht meist auch mit einer gewissen Aggressionshemmung gegenüber Außenstehenden einher. Denn nur eine gesunde Wut schützt die eigenen Grenzen. Das macht diese Menschen anfällig für Verführung und andere Formen der Manipulation. Da sie vermutlich auch sehr früh gelernt haben, sich mit den Wünschen und Bedürfnissen des „Angreifers“ zu identifizieren, ist es wahrscheinlich, dass sie den Zugang zum eigenen Wollen und Brauchen verlieren.

Gerade heftige Emotionen wie Angst oder Panik sind auch für Umstehende im Feld spürbar. Sie können unter gewissen Voraussetzungen in andere induziert werden. In symbiotischen Familien, ohne wirkliche Abgrenzung zueinander, kann die Emotions-Verarbeitung häufig nur gemeinschaftlich erfolgen. Vor allem dann, wenn die Mitglieder nicht gelernt haben, sich selbst zu regulieren. Ist einer aufgeregt, sind alle aufgeregt. Als würden die Gefühle von einem zum anderen hin und her schwappen, sich verteilen, abkühlen und schließlich für alle erträglicher werden. Geteiltes Leid ist halbes Leid wird hier leider wörtlich genommen, denn am Ende leiden alle mit. Ein echtes Mitgefühl hingegen setzt voraus, dass es eine Grenze gibt zwischen dem der leidet, und dem der mitfühlt. Vielleicht vergleichbar mit der Hilfe für einen Ertrinkenden: zu diesem ins Wasser zu springen ist meist keine gute Idee (es sei denn, es handelt sich um ein Kind). Viel zu groß ist die Gefahr, dass der Retter vom Ertrinkenden mit hinuntergezogen wird, wenn der schon in Panik ist. Nur wer sicher am Ufer stehen bleibt, kann den Rettungsring zuwerfen und so eine wirkliche Hilfe sein. Ähnlich ist das auch mit überschwemmenden Emotionen: nur wer wirklich bei sich bleiben kann, sich nicht in das Leid oder Drama des anderen hineinziehen lässt, kann hilfreich bleiben.

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