Methoden und Mechanismen in dysfunktionalen Familien
Wer als Kind mit einem Elternteil aufwächst, der narzisstisch verwundet oder anderweitig traumatisiert ist bzw. eine Borderline Persönlichkeitsorganisation aufweist, wird zum einen eine eigene Antwort auf diese Erfahrung ausbilden, quasi als Resonanz, um irgendwie mit der Situation umgehen und sich schützen zu können. Zum anderen wird er[1] Methoden und Mechanismen erlernen, die in dysfunktionalen Familien häufig auftreten. Hier eine Sammlung, die als Inspiration dienen kann, weitere Methoden und Mechanismen in der eigenen Familie zu erkennen.
Unerbittliche Bewertungssysteme
Ein auffälliges Merkmal sind sehr strenge Bewertungssysteme, die sowohl im Innenverhältnis in der Familie, als auch im Außenverhältnis gegenüber Freunden, Verwandten, Nachbarn oder Kollegen zum Einsatz kommen. Dabei kann es um Äußerlichkeiten wie Aussehen, Figur, Kleidung oder Schönheit gehen oder um alle anderen Themen, wie Materielles, Partnerschaft oder Erziehungsmethoden, einfach alles, was ein privates und berufliches Leben so zu bieten haben. Im Kern geht es um Vergleiche und die daraus gewonnenen Beurteilungen von gut oder schlecht / richtig oder falsch. Die Welt wird im Vergleich zu sich selbst, zur eigenen Familie, gesehen und laufend bewertet. Ein Schlechtmachen von Außenstehenden (und damit verbunden eine eigene heimliche Aufwertung) ist dabei ebenso denkbar, wie eine offene oder heimliche Selbst-Abwertung. So ein Bewertungssystem kann also zur eigenen Auf- oder Abwertung eingesetzt werden, aber auch Orientierung bieten, was schlecht oder gut ist oder eben richtig oder falsch. Es scheint nichts dazwischen zu geben, als würden die ganzen Schattierungen zwischen schwarz und weiß einfach fehlen. Zusätzlich helfen solche Bewertungen auch, sich selbst ins Verhältnis zur Welt zu setzen, was Ordnung und Struktur gibt und für eine gewisse Entlastung sorgt. So nach dem Motto: „gottseidank, ich bin gut und wertvoll.“ Aber auch: „wusste ich es doch, ich bin nichts wert, ein Versager.“
Die eigene Welt soll bestätig werden
Das Sich-Mit-Anderen-Vergleichen ist ja grundsätzlich etwas ganz Normales. Und natürlich möchte normalerweise jeder dabei möglichst gut abschneiden. Soweit so gut. Interessant wird es dann, wenn immer alles verglichen und bewertet werden muss, um entweder selber besser oder eben manchmal auch schlechter dazustehen. Je nachdem, welche Wahrheit es zu bestätigen gilt. In Burgfamilien kann es um die Bestätigung gehen, dass im Inneren der Burg alles paletti ist, während das Außen tendenziell als bedrohlich gilt. Andere wiederum brauchen die Bestätigung ihrer heilen Welt, ihrer Fähigkeiten, ihrer Beliebtheit oder eben auch ihrer Unfähigkeit, ihres Versagens. Die Palette ist hier so bunt, wie die Menschen, die sich dieser Methode bedienen (müssen). So wird die Welt durch sehr enge, eigene Filter betrachtet und vor allem das gesehen und gehört, was auf eben diese Konten einzahlt.
Kurze Haltbarkeit
Jetzt könnte man meinen, dass nach mehrmaligen Bestätigungen, die zur eigenen Vorstellung passen, klar sein dürfte, wie die Lage ist. Doch leider ist diese Methode wenig nachhaltig. Die einmal gewonnene Erkenntnis „ich bin fleißiger als meine Kollegin“ hält nicht vor. Egal, ob sie aus dem Inneren kommt oder von außen. Sie fließt einfach wieder ab, als hätte der Eimer, der sie eigentlich halten soll, am Boden ein Loch. Denn es fehlt ein Gefühl für die eigene Fähigkeit, fleißig zu sein. Und letztlich für den eigenen Wert. Es bleibt ein stiller Zweifel an dem, was doch soeben bestätigt wurde. Fast wie bei der Königin im Märchen, die immer und immer wieder ihren Zauberspiegel befragen muss, wer die schönste im ganzen Land ist, um sich eins ums andere Mal bestätigen zu lassen, dass sie es sei. Bis, ja bis, der blöde Spiegel eines Tages von Schneewittchen erzählt. Da fängt das Drama an.
Bestätigung als Ersatz für mangelndes Gespür
Wachsen Menschen mit Eltern auf, die auf Bestätigungen so eines Zauberspiegels angewiesen sind, werden sie als Kinder früher oder später dazu dienen, ihren Eltern deren Wert und deren Wahrheit zu bestätigen. Und sie tun es gerne, sie lieben ihre Eltern, denn sie spüren sehr genau, was die Mutter / der Vater so dringend von ihnen braucht. Doch leider bekommen sie dadurch häufig nur ein unzureichendes Gefühl für ihren eigenen Wert und das, was sie selbst gut können. Eigentlich paradox, wenn man bedenkt, wie stark verwundete Eltern auf die Energie und feinfühlige Zuwendung ihrer Kinder angewiesen sind und wie kompetent diese darauf reagieren können. Die Rollen sind vertauscht: das, was eigentlich das Kind von Mama oder Papa bräuchte, gibt es bereitwillig, meist ohne es zu merken. So werden sie selber später zu Erwachsenen, die auf eine Bestätigung von außen angewiesen sind. Bis, ja bis eins der Kinder anfängt aufzuwachen und die eigenen Erfahrungen zu verarbeiten.
Auf Bestätigung angewiesen zu sein, hat einen hohen Preis
Wie schon beschrieben sind reine Bestätigungen von außen wenig nachhaltig, wenn das innere Gefühl dazu fehlt, das einem Gewissheit über den eigenen Wert und die eigenen Qualitäten dauerhaft verschaffen könnte. So entsteht eine Dynamik des Vergleichens, Bewertens und der Konkurrenz mit einer heimlichen, nagenden Angst, ob das, was man vom anderen über sich erfährt, wirklich stimmt. Irgendwie ist ja auch klar, dass das, was heute gilt – „Du bist die Schönste im ganzen Land“ – schon im nächsten Moment Schall und Rauch sein kann. Hierüber gibt es ja überhaupt keine Kontrolle. Daraus entsteht eine Abhängigkeit, in der teilweise völlig fremde Menschen eine große Macht über die eigene Wertigkeit erhalten. Einfach, weil die einen Nebensatz fallen lassen, der einen sofort völlig verunsichern kann. Es wird ja alles im Außen ins Verhältnis zu sich selbst gesetzt und damit auch auf sich bezogen. So kann ein lapidares „das hättest Du echt besser machen können“, zu einem völlig unwichtigen Thema, zu einer tiefen Kränkung führen, die mit nächtelangem Grübeln, Ärgern und Zorn, aber auch mit schlechtem Gewissen und nagendem Zweifel verbunden sein können. Darüber hinaus tendieren die Zyklen dazu, kürzer und kürzer zu werden, in denen eine neue Bestätigung zur Sicherheit benötigt wird. Ein ewiger Kreislauf, der sich irgendwann nur noch anstrengend und schwer anfühlt. Was für ein Stress.
Unterschiede werden eher als bedrohlich wahrgenommen
Wer sich andauernd vergleicht, tut sich in der Regel schwer, Unterschiede anzuerkennen und als gleichwertig zu behandeln. Im Gegenteil, er wird auf die Hierarchie angewiesen sein, die sich durch das Einteilen in besser oder schlechter ergibt. Und darauf hoffen, dass er selbst auf der „richtigen“ Seite steht. Wo auch immer diese Seite in seiner Vorstellung sein mag. Das Andere im anderen wird eher als bedrohlich wahrgenommen, denn es kann nie wirklich ausgeschlossen werden, dass das Andere nicht vielleicht doch besser (oder schlechter) als das eigene wäre. Wer könnte das auch abschließend beurteilen? Der Zauberspiegel ist es sicherlich nicht. Solchen Menschen ist nicht bewusst, dass sie sich gerade durch dieses ewige Vergleichen einem sehr strengen, selbst erdachten Bewertungssystem unterwerfen. Schließlich sind dessen Kriterien, was denn jetzt genau als besser gilt, zunächst von Eltern, Freunden, der Peer Group übernommen und werden dann basierend auf dem eigenen familiären und gesellschaftlichen Hintergrund weiterentwickelt. Dass „die Schönheit im Auge des Betrachters“ liegt, und damit jeder Mensch ein eigenes Verständnis und Gefühl für Schönheit hat, kommt ihnen nicht in den Sinn. In ihrer Phantasie gilt ihr Bewertungssystem auch für die Welt.
Harmonie herstellen durch Gleichmachen
So ist es nicht verwunderlich, dass Menschen, die in solchen Bewertungssystemen aufwachsen, tendenziell versuchen, Harmonie herzustellen. Denn das, was mit ihnen übereinstimmt, ist weder besser noch schlechter, es ist gleich. Das erkennen sie als zu sich gehörig und das wiederum gibt ihnen eine (vermeintliche) Sicherheit und Entlastung. So werden sie die Welt durch ihre Filter sehen und das im anderen wahrnehmen, was sie als gleich, als harmonisch, in Bezug auf sich selbst erkennen. Wird jemand gefunden, der zu einem zu passen scheint, besteht die Gefahr der Idealisierung dieser Person. Ein Versuch, das ausschließlich Gute im andere zu sehen. Das kann natürlich nicht lange gutgehen. Denn zum einen weiß der andere vielleicht gar nicht, was genau da in ihm gesehen wird, und zum anderen hat er natürlich auch anderen Seiten, die irgendwann zu Tage treten, und dann auf völlige Verwunderung, Unverständnis und Enttäuschung stoßen. Auch dieser Mechanismus hat seinen Preis: er verleugnet zum einen die Unterschiede, die vielleicht auch als Warnzeichen dienen könnten, was eigentlich gar nicht zu einem passt. Außerdem folgt auf eine Idealisierung dann die Abwertung, sobald die Erkenntnis einsetzt, dass der andere doch nicht so ideal ist, wie man meinte. Das kann zu unschönen Beziehungsdynamiken führen. Wer sehr stark harmonisiert läuft außerdem Gefahr, die eigenen (und fremden) Grenzen zu verlieren, durch das Zusammenfließen im harmonischen Einheitsbrei. Auch an dieser Stelle sei noch einmal gesagt: ein gewisses Maß an Idealisieren, gerade am Anfang einer neuen Liebes-Beziehung, ist natürlich normal. Interessant wird es dann, wenn die rosarote Brille langsam abgenommen wird. Dann zeigt es sich, ob es möglich ist, auch die anderen Seiten am Partner zu akzeptieren, vielleicht sogar zu schätzen, die einem erst einmal nicht entsprechen. Harmonie ist natürlich grundsätzlich auch etwas Schönes: sie tut uns gut, macht das Leben einfacher und gibt uns eine gewisse Sicherheit. Es kommt eben darauf an, ob immer wieder Harmonie hergestellt werden muss, egal, was vorgefallen ist. Ob damit also Konflikte vermieden werden sollen. Denn dann kann keine echte Auseinandersetzung mit den immer vorhandenen Unterschieden erfolgen.
Festbeißen an der Vergangenheit
Wer in so einer dysfunktionalen Familie aufwächst, kommt früher oder später mit der Vergangenheit in Berührung. Das hat mit den traumatischen Erfahrungen der Eltern (eines Elternteils) zu tun, die wieder und wieder inszeniert oder bestätigt werden müssen. So ein Kind lernt schnell, dass es Ereignisse in der Vergangenheit gibt, die immer und immer wieder in der Gegenwart auftauchen. So, als hätte sich eine Harpune darin verhakt, die das Vergangene unablässig hinter sich herzieht. Seien es alte Kränkungen und Verletzungen (Onkel Hans hat damals… das ist wirklich unmöglich!) oder die heile Welt, die wieder hergestellt werden soll (sieh nur, wie süß Du und Deine Schwester damals gespielt habt, wie war das doch schön!). So oder so bekommt so ein Kind sehr schnell mit, was von ihm erwartet wird: Bestätigung auf ganzer Linie. Onkel Hans ist die Persona non Grata und die eigene Kindheit mit der Schwester war die Beste auf diesem Planeten. Solange die Kinder in dieser Rolle bleiben, ist die Welt in so einer Familie in Ordnung. Doch wehe, einer wagt, diese Bewertungen zu hinterfragen, die Tabus anzusprechen. Der, dem das einfällt, steht sehr schnell alleine da. Denn inzwischen hat die ganze Familie, eben auch Geschwisterkinder, die das so erlernt haben, ein Interesse daran, diesen Schein aufrechtzuerhalten. Wer das in Frage stellt, gilt häufig als Abtrünniger oder Nestbeschmutzer und könnte vor die Frage gestellt werden: drin oder draußen.
Katastrophen Erwartungen in die Zukunft
So wundert es nicht, dass in diesem Gefüge auch die Zukunft eher pessimistisch gesehen wird. In diesen Familien wird eher davor gewarnt, sich zu früh zu freuen. Tendenziell sind sowohl Heiterkeit als auch Leichtigkeit Fremdwörter. Die Welt ist ein unsicherer Ort und Vorsicht ist besser als Nachsicht. Am besten, man erwartet das Schlimmste und wappnet sich. Im Grunde ist das wieder eine Harpune, die ihren Pfeil nur diesmal weit in die Zukunft schießt und im Vorfeld Bedenken und Katastrophen-Erwartungen auslöst. So scheint es besser zu sein, in andauernden Bedenken zu leben, als die Zukunft wirklich neugierig und offen auf sich zukommen zu lassen.
Verleugnung der Gegenwart
Dieses Festhalten an Vergangenem bzw. permanente Zukunftssorgen scheinen zumindest eine gewisse Sicherheit, wenigstens etwas Halt zu gewähren. Etwas Vertrautes. Vielleicht sind sie auch ein hilfloser Versuch, wenigstens etwas Kontrolle über die eigene Unsicherheit zu erhalten. Doch diese Vorgehensweise kostet unheimlich viel Energie und geht am wirklichen Leben vorbei. In die Zukunft gerichtete Bedenken und Sorgen können sich später als haltlos erweisen und das Vergangene lässt sich sowieso nicht mehr ändern. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, dass die Gegenwart dadurch regelrecht vermieden, ja vielleicht sogar verleugnet wird. Denn nur in der Gegenwart, im Hier und Jetzt, kann echter Kontakt, eine wirkliche Nähe stattfinden, die vermutlich eher als bedrohlich empfunden wird. Wie schade, denn das ist das wahre Leben.
Auswirkungen auf das Leben
Das hat natürlich Auswirkungen auf alle Familienmitglieder, aber vor allem auf die Kinder, die durch solche Erfahrungen geprägt werden. Sie wachsen letztlich in einer Fantasiewelt auf ohne es zu merken. Und erben dadurch die Fantasien ihrer Eltern oder engen Bezugspersonen und damit häufig auch deren (unbewusste) Ängste, Bewertungen und Erwartungen. Zum einen bleiben so die traumatischen Erfahrungen der Eltern unbearbeitet. Im Gegenteil: Sie werden von allen Familienmitgliedern, die sich wie gewünscht verhalten, in ihrer Dysfunktionalität aufrechterhalten. Zum anderen werden eben diese unverdauten Traumata auch an die Kinder weitergegeben, die sie in (abgeschwächter Form) ebenfalls mit ihren Familien wiederholen. Ein wahrhaftiger Heilungsprozess kann so nicht in Gang kommen.
Wie kann es weitergehen?
Der erste Schritt ist das Wachwerden, für die Methoden und Mechanismen in der eigenen Familie, für die Muster, die sich immer und immer wieder wiederholen. Wichtig für Kinder aus solchen Familien ist es zu verstehen, dass sie eine Art Denk- und Verhaltens-Erbe ihrer Eltern antreten und traumatische Inhalte auf sie übergegangen sein können. Wer irgendwann anfängt zu hinterfragen, zu bearbeiten und zu verändern, kann sich im günstigsten Fall irgendwann entscheiden, ob er dieses Erbe wirklich annehmen, abändern oder vielleicht sogar ganz ablehnen will. Ein wichtiger Teil dieser Arbeit wird immer wieder sein zu unterscheiden, was zum Trauma der Eltern (oder Großeltern) gehört und was einem selbst widerfahren ist. Und: es lohnt sich, diesen Weg zu gehen. Meine Empfehlung ist, sich dabei unterstützen zu lassen, am besten von jemandem, der mit diesen Themen Erfahrung hat.
[1] m/w/d
Übersicht meiner thematisch passenden Artikel, die auch im Text verlinkt sind:
- Erzwungene Harmonie ⋆ Psychotherapie Erlangen
- Emotionale Manipulation im Kindesalter ⋆ Psychotherapie Erlangen
- Das Drama Dreieck: die Dynamik Verfolger – Opfer – Retter
- Die Burgfamilie – wir gegen den Rest der Welt ⋆ Psychotherapie Erlangen
- Projektion und projektive Identifizierung
- Kriegsenkel: sekundäre Traumatisierungen einer Generation
- Traumaweitergabe in die nächsten Generationen
- Täter-Opfer Umkehr
- Wie gut kennst Du Dein inneres Kind?
- Hilfe, ich beziehe alles auf mich
- Richtig oder falsch?
- Emotionale Verstrickungen – gefangen im verborgenen Netz
- Overthinking – wie stoppe ich meine Gedanken?
- Was ist Spaltung?
- Der erste Schritt ist, Dir klar zu werden, wo Deine Grenzen liegen, was eine rote Linie ist und wo Du ggf. verhandlungsbereit sein kannst.
- Wenn Du mit Menschen aufgewachsen bist, die Deine Grenzen schon immer missachtet haben, lasse alle Erwartungen fallen, sie könnten lernen, feinfühliger mit Dir und Deinen Bedürfnissen umgehen. Das wäre schön, ist aber leider unrealistisch (es sei denn, sie würden sich selber reflektieren und möchten sich diesbezüglich wirklich verändern)
- Grenzen setzen heißt nein sagen, wo Du sonst ja oder vielleicht gesagt hast, das wird Dir am Anfang super schwer fallen und kann mit starken Schuldgefühlen einhergehen.
- Hast Du es mit unreflektierten, manipulativen Menschen zu tun, ist manchmal eine klare Körpersprache am einfachsten, so können Schuldzuweisungen und Vorwürfe vermieden werden: hört zum Beispiel jemand einfach nicht auf, in Deine Kerben zu schlagen, beende das Gespräch freundlich und gehe aus der Situation raus.
- Insgesamt ist es sinnvoll sich zu fragen, mit welchen Menschen man seine Zeit verbringen will. Missachtet jemand wiederholt Deine Grenzen, ist es manchmal besser zu realisieren, dass dann ggf. nur oberflächlicher Kontakt erträglich ist, soweit Du das beeinflussen kannst.
- Am schwierigsten ist es daher in der eigenen Familie: wir lieben unsere Familienmitglieder und wollen Kontakt zu ihnen haben, uns gleichzeitig aber nicht immer wieder von ihnen verletzen lassen. Es kann in dem Fall angeraten sein, sich professionelle Hilfe zur Begleitung zu suchen.
- Siehe hierzu auch „wie kann ich verhindern, mich in Beziehungen aufzugeben?“
- Grundsätzlich sind Bewertungen wichtig und notwendig: was passt zu mir? Oder was entspricht mir ganz und gar nicht? Doch wer Bewertungen aus dem Elternhaus unhinterfragt als Kind übernehmen musste, merkt zunächst gar nicht, wie sehr er (immer m/w/d) die Welt in schwarz und weiß, richtig und falsch oder gut und böse einteilt.
- Zunächst ist es wichtig zu merken, wie voreingenommen Du gegenüber bestimmten Situationen, Meinungen oder Verhaltensweisen bist. Hinterfrage, ob das wirklich Deine Meinung ist, oder ob Du eine vorgefertigte Schablone über die Sache legst.
- Für sich klar zu haben, was richtig oder was falsch ist, macht das Leben (vermeintlich) einfach. Doch häufig wirst Du der Sachlage nicht wirklich gerecht. Je offener Du einer Situation begegnen kannst, je neugieriger Du nachfragen kannst, was das für das Gegenüber bedeutet, je mehr wirst Du Dich aus den Schablonen der Bewertung lösen können.
- Bewertungen haben häufig auch mit Vergleichen zu tun: der eine so… der andere so… Frage Dich, ob Dir das Vergleichen wirklich guttut? Was bringt es Dir für Vorteile, die Welt in Schubladen einzuteilen? Außer dass Du Dich in der Welt dadurch besser orientieren kannst?
- Allein die Beschäftigung mit dem Thema wird Dich wach machen, wo Du vielleicht noch Vorurteile hast (unconscious bias) oder bereits eine Meinung vertrittst, ohne die andere Seite gehört zu haben.
- Dein Gegenüber reagiert auf einen Konflikt immer wieder mit Schweigen (silent treatment), Distanz oder Verweigerung von Nähe und Zärtlichkeit, auch wenn die Wogen eigentlich schon geglättet sein sollten.
- Meist drückt sich Liebesentzug über ein Fehlen von… Das kann ein Lächeln sein, das verschwindet, die zugewandte Haltung, die sich abwendet, die Umarmung, die sonst bei der Verabschiedung üblich ist oder der Gutenacht Kuss, auf den man vergeblich wartet.
- Liebesentzug ist eine Form der emotionalen Manipulation und kommt einer emotionalen Erpressung gleich: Wenn Du nicht machst, was ich will, dann strafe ich Dich mit Missachtung. Es hat also auch mit Kontrolle, Macht und Unterwerfung zu tun. Auch wenn es der Person, die es anwendet, vielleicht nicht bewusst ist.
- Über Liebesentzug wird eine emotionale Distanz hergestellt. Der Betroffene fühlt sich abgelehnt und ungeliebt und fragt sich irgendwann, was mit ihm (immer m/w/d) nicht stimmt. Das untergräbt auf Dauer den eigenen Selbstwert.
- Im Grunde werden die Rollen getauscht (Täter-Opfer-Umkehr): der, der sich vielleicht sogar zurecht beschwert, wird mit Liebesentzug bestraft und fühlt sich vielleicht sogar noch schuldig.
- Leider gilt auch: wer als Kind Liebesentzug ausgesetzt war, wird das als eine „normale“ Erziehungsmethode lernen. Erst durch Bewusstwerdung kann er sich klar machen, was das eigentlich anrichtet. Ein Kind lernt, dass es so sein muss, wie es die Erwachsenen haben wollen und wird sich dabei Schritt für Schritt selbst verlieren.
- Wer schon als Kind lernt, die Mimik und Gestik seiner Eltern zu analysieren, wird sofort auf ein fehlendes Lächeln, auf die Veränderungen im Gesicht und in der Haltung der Eltern reagieren.
- Liebesentzug (Distanz und Kälte) versus Aufmerksamkeit, Nähe und Zuwendung (Belohnung): vor allem unvorhersehbare und abrupte Wechsel ohne verständlichen Grund werden Dich tendenziell auf das Verhalten des anderen fixieren und können zu einer emotionalen Abhängigkeit führen.
- Isolation: wenn der andere Dich (meist subtil) von Deinen Freunden oder Deiner Familie isoliert. Vielleicht in dem nur er (immer m/w/d) mit Dir Zeit verbringen will oder in dem andere abgewertet werden. Dadurch wird die manipulierende Person zum stabilen Anker. Korrigierende Meinungen werden weniger und weniger.
- Induzierte Schuld- und Schamgefühle: jemandem Schuld- oder Schamgefühle zu vermitteln, nur um seine eigenen Ziele zu erreichen, ist ein ziemlich subtiles und gemeines Spiel. Denn es bringt den anderen in eine innere Not, solange er das Spiel nicht durchschaut. Siehe dazu auch In welchem Verhältnis stehen Scham- und Schuldgefühle?
- Andeutungen und Drohungen: wer mit Geheimnissen, Lücken und Andeutungen arbeitet, erzeugt im Gegenüber die Tendenz, das Fehlende auszufüllen: wenn ich bis drei zähle, dann… was dann kommen könnte wird viel schlimmer phantasiert, als es vielleicht tatsächlich wäre. Auch so wird eine Konditionierung und eine Fixierung auf das Fehlende erreicht.
- Gaslighting: das ist eine perfide Methode, die Dich an Deiner eigenen Wahrnehmung zweifeln lässt. Je unsicherer Du über Dich selbst wirst, desto mehr wirst Du versuchen, wieder Stabilität herzustellen. Auf jeden Fall bist Du permanent mit den Vorfällen beschäftigt. Siehe dazu auch Woran erkenne ich Gaslighting?
- Love Bombing: den anderen mit Komplimenten, mit Nähe, Idealisierung oder anderen Aufmerksamkeiten zu überhäufen, erzeugt natürlich zunächst ein völliges emotionales Hoch. Häufig ist es die Sehnsucht an diese super schöne Anfangsphase, die Dich dann in der Beziehung hält, obwohl diese sich bereits deutlich verändert hat.
- Die Psychoanalyse sieht den inneren Richter (oder den inneren Kritiker) als Teil des Über-Ichs.
- Er ist durch Erfahrungen in der Kindheit zu einer eigenen inneren Stimme geworden, die einen kritisiert, entwertet und Schuldgefühle erzeugen kann.
- In den Augen des inneren Richters ist man nie gut genug: man hätte die Dinge auf jeden Fall besser machen können. Diese Stimme erzeugt Selbstzweifel und Scham.
- Ist der innere Richter besonders gnadenlos, deutet das auf ein strenges Bewertungssystem hin. Alles scheint sich seinem Urteil zu unterwerfen. Seine einzige Frage lautet: richtig oder falsch? Als wäre die Welt schwarz oder weiß
- Letztlich ist ein innerer Richter nicht nur ein „innerer Gegner“, den es zu bekämpfen gilt. Vielmehr ist der Weg, raus aus diesem äußerst strengen Bewertungssystem das Mitgefühl mit sich selbst und mit der Anpassung, die man als Kind vollzogen hat.