Projektion und projektive Identifizierung
Projektion als Abwehrmechanismus
In der Psychologie versteht man unter Projektion einen Abwehrmechanismus.[1] Die eigene Psyche versucht sich unbewusst von Gefühlen, Impulsen oder Wünschen zu befreien, die Angst, Scham oder Schuldgefühle erzeugen. Sie hat bereits im Kindesalter (meist schmerzhaft) gelernt, was an ihr von ihrem Umfeld abgelehnt wird, welche ihrer Verhaltensweisen unerwünscht oder verboten sind. Durch das Übertragen des inneren Erlebens nach außen kann sie sich selbst entlasten. Projiziert werden zum Beispiel Aggressionen, sexuelle Wünsche, Gefühle von Neid, Gier oder Eifersucht, aber auch (ein zu viel an) Lebendigkeit oder Impulsivität. Diese, für die eigene Psyche häufig als bedrohlich eingestuften Persönlichkeitsmerkmale, können dann bei Nachbarn, Kollegen[2] oder beim Partner mit Empörung wahrgenommen werden. Dort ausgelagert lassen sie sich besser abwerten oder bekämpfen, ohne selbst in einen inneren Konflikt zu geraten oder Verantwortung für das eigene Erleben zu übernehmen. „Nicht ich habe manipulative Absichten, sondern mein Gegenüber! Und dauernd begegne ich auch noch Menschen, die mich manipulieren wollen!“ ärgert sich die Projektion. Ein so entwickeltes Selbstbild ist einseitig fokussiert und klammert bestimmte Seiten aus, mit denen sich der Projizierende dann nicht weiter befassen muss.
Pathologische Projektion
Ein Stückweit sind Projektionen normal. Jeder Mensch projiziert, mehr oder weniger stark, unliebsame oder angstmachende Anteile auf andere. Wer ist schon scharf darauf, sich mit den eigenen Schatten, Ängsten oder unbewussten Begierden herumzuschlagen? Vor allem mit der Sorte, die man partout nicht haben will oder zeigen darf? Pathologisch wird es dann, wenn jemand sein inneres Erleben projizieren muss, weil ihm keine alternativen Bewältigungsstrategien zur Verfügung stehen. So ein Mensch entwickelt ein verzerrtes Bild von sich, welches meist von der Realität deutlich abweicht. Er könnte sich zum Beispiel für absolut friedliebend und ausgeglichen halten, ohne zu merken, wie viel Wut und Aggression in ihm brodelt. Seine Mitmenschen werden ihm dann vor allem wütend und aggressiv erscheinen, was ihm immer wieder negativ auffällt. Würde man sein Umfeld befragen, könnten sie auch bei ihm dieselben Regungen wahrnehmen. Nur ihm selbst bleiben sie verborgen, eben genau wie Schatten, die sich beim Umdrehen einfach mitdrehen. So wird deutlich, dass der Mechanismus der Projektion im eigenen Umfeld früher oder später zu Konflikten führt, vor allem dann, wenn der Partner, auf den projiziert wird, sich weigert, diese Zuschreibung anzunehmen.
Projektive Identifizierung
Die projektive Identifizierung geht über die klassische Projektion hinaus. Denn es werden nicht nur beängstigende Inhalte der eigenen Psyche auf eine andere Person projiziert. Diese soll subtil auch dazu gebracht werden, die unverdauten Spannungszustände des Projizierenden zu fühlen und dessen damit verbundenen Wünsche nach Beruhigung und Versorgung zu erfüllen. „Spüre instinktiv, was ich von dir brauche,“ fleht die projektive Identifizierung stumm. „Du siehst es in meinem Blick.“ Psychoanalytisch[3] gilt die projektive Identifizierung als eine sehr frühe Form der Kommunikation zwischen Säugling und Mutter (oder anderen Bezugspersonen), durch die das Baby auf seine innere Not aufmerksam machen kann. Also auf seine Zustände von innerer Anspannung, ängstlichen Stimmungslagen oder Gefühlen von körperlichem Unbehagen. Trifft diese Art der Kommunikation auf eine liebevolle und zugewandte Mutter, wir diese beginnen, das Baby zu beruhigen, dessen Hunger zu stillen, es zu versorgen und seine emotionalen Zustände zu regulieren. Unter solch günstigen Bedingungen kann dieser Mechanismus nach und nach aufgegeben und durch reifere Formen der Kommunikation ersetzt werden. Wer im erwachsenen Alter nach wie vor auf projektive Identifizierung zurückgreifen muss, hat keine andere Möglichkeit, seine unaushaltbaren Gefühle selber zu regulieren und sich seine eigenen Bedürfnisse liebevoll zu erfüllen. Er bleibt in Beziehungen auf infantile Weise darauf angewiesen, dass sein Gegenüber die Versorger-Rolle übernimmt. Dafür finden sich dann häufig Menschen, die bereits sehr früh gelernt haben, meist für Familienmitglieder, Verantwortung zu übernehmen und in die Caretaker Rolle zu gehen. In gewisser Weise stabilisieren sich dadurch dann beide Seiten: der eine, der sich (emotional) versorgen lassen will und der andere, der wie selbstverständlich diese Aufgabe übernimmt. So entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis, das darauf ausgerichtet ist, dass beide in ihrer Rolle bleiben. Wird vom Caretaker mehr Eigenverantwortung des Partners eingefordert oder stellt er seine Versorgung ein, kann sich daraus auch eine toxische Abwärtsspirale entwickeln.
Projektionen als Chance
Im Grunde sind Projektionen Spiegelungen der eigenen Anteile im Gegenüber. Es sind also viele kleine Chancen, die es uns ermöglichen, uns über die Mitmenschen selbst zu erfahren und vielleicht ein bisschen realistischer wahrzunehmen. Es ist auch möglich, dass Kompetenzen und Fähigkeiten auf andere projiziert werden. Und zwar genau dann, wenn Können oder Wissen so gar nicht zum Bild von einem selbst passen wollen. Es lohnt sich also, sein Umfeld auch einmal auf diesen Aspekt hin zu überprüfen: Wer erscheint mir besonders erfahren, liebevoll oder fachlich gut ausgebildet? Ist das wirklich so? Woran mache ich es fest? Und wie schätze ich mich selbst auf diesem Gebiet ein? Projektionen sind außerdem keine Einbahnstraße, die nur von mir nach außen führt. Auch in mir werden andere Personen ihre unverdauten Anteile sehen. Wer was in wem erkennen kann, ist nicht völlig beliebig. Man stelle sich eine 90-jährige, gebrechliche Frau im Rollstuhl als wütende Angreiferin vor. Hier wird klar, dass sich nur etwas im anderen erkennen lässt, was da auch irgendwie hinpasst. Und dass auch in mir nur etwas erkannt werden kann, von dem sich zumindest auch ein Körnchen in mir finden lässt.
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- Um das eigene Selbstbild rein zu halten, werden zum Selbstschutz bestimmte Persönlichkeitsanteile anderen zugeschrieben. Das können zum Beispiel aggressive, neidische oder sexuelle Impulse sein.
- Schuld- und Schamgefühle werden projiziert, damit diese nicht gefühlt werden zu müssen.
- Menschen mit wenig ausgebildeter Ich-Stärke und einem geringen Selbstwertgefühl greifen unbewusst häufiger auf Projektion als Abwehrmechanismus zurück.
- Können widersprüchliche Gefühle, wie zum Beispiel Liebe und Hass, gegenüber einer nahen Bezugsperson nicht integriert werden, entsteht ein innerer Konflikt. Eine der beiden Seiten abzuspalten und zu projizieren ist für ein Kind häufig die einzige Möglichkeit, damit irgendwie umgehen zu können.
- Wer in seinen früheren Beziehungserfahrungen eine grundlegende Ablehnung eigener Persönlichkeitsanteile erlebt und Wünsche und Bedürfnisse nicht offen äußern kann, lernt oft, diese Anteile abzuspalten und auf andere zu übertragen.
Hier kommen ein paar Beispiele, die als Hinweise dienen können, dass Du selbst projizierst:
- Ich reagiere übermäßig stark auf Reaktionen und Verhaltensweisen von anderen und bin davon überzeugt, dass ich so niemals reagieren würde.
- Ich finde mich immer wieder in Konflikten mit Menschen wieder, die eine bestimmte Eigenschaft verkörpern, sich auf eine Art und Weise verhalten, die großen Widerstand und Missfallen bei mir auslösen.
- So, wie ich mich selbst sehe, weicht signifikant von dem ab, was meine Freunde über mich sagen würden.
- Andere spiegeln mir meine eigene Widersprüchlichkeit: ich sage so und handle genau entgegengesetzt.
- Projektion denkt gerne um die Ecke: „die denken jetzt bestimmt, dass ich denke…“
- Der erste Schritt ist die Selbstreflexion: Deine heftigen und meist wiederkehrenden Reaktionen auf bestimmte Menschen, können Dir erste Hinweise geben, um welche Themen es bei Dir geht.
- Was genau regt Dich am anderen auf? Was findest Du zum kotzen, völlig daneben, worüber kannst Du Dich wirklich echauffieren?
- Und was haben diese Themen und Verhaltensweisen mit Dir zu tun? Wie gehst Du selber damit um? Kennst Du Dich auch so? Oder bist Du der Meinung, so würdest Du Dich niemals verhalten.
- Bitte gute Freunde, Dir ehrlich zurückzumelden, wie sie Dich in diesen Punkten sehen. Stelle dabei sicher, dass Du nur Menschen fragst, die Dir eine sehr wertschätzende Rückmeldung geben können.
- Da Projektionen häufig auch angstbesetzt und mit Schuld- und Schamgefühlen belastet sind, scheue Dich nicht, daran mit einem Coach oder einem Therapeuten zu arbeiten, der Dir hilft die ausgelagerten Anteile wieder in Deine Persönlichkeit zu integrieren.
- Du kommst in starke Emotionen wie Angst, Ohnmacht oder Hilflosigkeit, die Du in dieser Situation normalerweise nicht empfindest.
- Du findest Dich in einer Rolle wieder, in die Du gar nicht willst, handelst zum Beispiel plötzlich wie ein Aggressor.
- Du wirst immer wieder als etwas dargestellt, zum Beispiel als abweisend oder eiskalt, obwohl Du das eigentlich nicht bist, ertappst Dich dann aber, dass Du genauso reagierst.
- Eine wichtige Frage lautet: „ist das gerade wirklich mein Gefühl? Passt es zur Situation, die ich gerade erlebe?“
- Wenn Du Dich schon in einer sich nach unten schraubenden toxischen Beziehungsdynamik wiederfindest, dann ist es wichtig, Deine Grenzen zu kennen und zu wahren.
- Hier würde ich auf jeden Fall therapeutische Hilfe empfehlen, wenn es um eine partnerschaftliche oder sonst eine sehr enge Beziehungsdynamik geht.
- Wenn ein Mensch quasi keine andere Möglichkeit hat als unerwünschte, inakzeptable Gefühle, Gedanken oder Motive anderen zuzuschreiben, um sie aus dem eigenen System zu bekommen.
- Das Ziel dieser Abwehr ist, wie schon beschrieben, innere Konflikte zu vermeiden, Schuld- oder Schamgefühle loszuwerden und das eigene Selbstbild zu schützen.
- Da dieser Prozess eine verzerrte Wahrnehmung der Realität bewirkt, führt das meist zu einer erheblichen Belastung in zwischenmenschlichen Beziehungen. Denn die Betroffenen sind nicht in der Lage, Verantwortung für die eigenen Emotionen zu übernehmen.
- Alles, was die Projektion aufdecken könnte, wird vom Projizierenden ausgeblendet und abgewehrt. Werden sie darauf hingewiesen, führt das direkt in erhebliche Konflikte.
Wer seine Stärke auf eine andere Person projiziert, mag sich vielleicht Unterstützung und Schutz von ihr erhoffen, bringt sich selber dadurch aber in eine hilflose Position. Er übertrag gewisser maßen jemand anderem die eigene Kraft und damit auch die Verantwortung für sich selbst. Das hat für beide Seiten Folgen: Wer den anderen in der Rolle des Beschützers für sich braucht, wird dessen Schwächen weder sehen noch akzeptieren können. Wer sich auf die Rolle des Retters in so einer Konstellation einlässt, kann sich einerseits zwar gut und selbstwirksam fühlen, hält sein Gegenüber aber auch in einer Abhängigkeit zu sich. Letztendlich wird dieser „Kuhhandel“ beiden nicht gerecht, denn auch ein Beschützer oder Retter ist mal schwach und eine sich schwachfühlende Person hat mit Sicherheit auch Kraft und Stärke.
- Unbewusste Persönlichkeitsanteile, die verdrängt oder abgespalten werden müssen.
- Anteile, die nicht dem Bild entsprechen, das Du von Dir selbst hast.
- Eigenschaften, die Du nicht zeigen durftest, vielleicht sogar verleugnen musstest.
- Gefühle, die zu überwältigend sind, um sie alleine auszuhalten.
- Wer anfängt, die eigenen Schatten kennenzulernen und zu akzeptieren, hört meist auf, sie bei anderen zu finden, sie zu projizieren.