Perfektionismus - die weibliche Form des Narzissmus
Perfektionismus kann zum einen das Streben nach Excellenz bedeuten und ein enormer Antrieb für außerordentliche Leistungen sein. Ein gewisses Maß davon ist in unserer Leistungsgesellschaft durchaus anerkannt und wird vielleicht sogar gefördert. Perfektionisten[1] streben nach makellosen Leistungen[2] sowie fehlerfreiem Handeln und haben in der Regel äußerst hohe Erwartungen an sich selbst (und andere). Wer Olympia gewinnen will, oder sonst eine Höchstleistung im Blick hat, wird eine gehörige Portion davon brauchen, sowie eine eiserne Disziplin. Perfektionismus kann aber auch ein Schutzmechanismus[3] sein, der einen enormen psychischen Druck erzeugt, denn es ist eben äußerst schwierig, immer die Beste, die Schönste, die Schnellste, in jedem Lebensbereich einfach perfekt sein zu müssen. Die Perfektionistin strengt sich an und kommt ihrem Ziel, das im Grund unerreichbar ist, so lange nahe, so lange keine Fehler auftreten und die Konkurrenz kontrollierbar erscheint. Das ihr Ziel unerreichbar ist und das Streben danach ihr Leben auf eine Art schwer und anstrengend macht, ist ihr nicht bewusst. Sie merkt ihre eigenen Ängste (zunächst) nicht, vor Fehlern, Misserfolgen oder Konkurrenz, die ihr gefährlich werden könnte. Denn ihre Anstrengungen und Bemühungen dienen ja dazu, diese abzuwehren. Sie sonnt sich vielmehr gerne im Licht ihrer Erfolge, die sich durchaus sehen lassen können. Und genau um diese weibliche Form einer narzisstischen Anpassung soll es in diesem Artikel[4] gehen.
Ursachen des Perfektionismus[5]
Zu Perfektionismus neigende Frauen, Männer sind seltener von dieser Form betroffen, sind meist vielseitig begabt, zeigen eine hohe Motivation, engagieren sich über ein normales Maß hinaus und sind eher verantwortungsbewusst. Starre Strukturen in ihrer Kindheit lassen ihnen sehr früh wenig Raum für eine individuelle Entwicklung. Der Deal in ihrem Leben heißt leider viel zu oft: Liebe, Aufmerksamkeit und Anerkennung gegen Leistung und Anpassung. In den Biografien dieser Frauen finden sich häufig emotional und/oder real abwesende Väter. Ihr Vater wird tendenziell idealisiert, sie würde sich als Papa-Kind bezeichnen, und will vor allem ihm gefallen. Für ihn strengt sie sich an, damit er sie endlich wirklich wahrnimmt. Doch der sieht in ihr nur sein kleines Mädchen, so wie er sie sich eben vorstellt. Die tatsächlichen Eigenschaften seiner Tochter bleiben für ihn vor allem dann verborgen, werden vielleicht sogar offen oder manipulativ unterbunden, wenn sie dem Bild des Kindes in seiner Vorstellung zuwiderlaufen. Das kleine Mädchen lernt daher sehr früh, für welche Verhaltensweisen es vor allem Papas Aufmerksamkeit bekommt und wofür es gelobt oder belohnt wird. Es strengt sich an, den Erwartungen der Eltern, vor allem eben denen des Vaters, zu entsprechen und passt sich damit immer wieder aufs Neue fremden Vorstellungen an. Doch egal, wie sehr sie sich auch bemüht, ihr wahres Wesen wird in dieser Dynamik nicht gesehen. Irgendwann fängt sie an, sich selbst Stück für Stück zu vergessen. Sie zieht sich fremde Vorstellungen an, wie herrliche Kleider, und beginnt, in ihrer perfekten Welt zu leben. Die tiefen narzisstischen Wunden liegen dabei weit unten im Unbewussten verborgen[6], vor allem für sie selbst.
Perfektionistinnen suchen nach Anerkennung
Diese Frauen entwickeln schon sehr früh ganz feine Antennen für die Atmosphären in einem Raum. Sie lernen, andere Menschen aufgrund ihrer Reaktionen zu lesen und interpretieren deren Verhalten. So werten sie aus, was anderen gerade von ihr erwarten könnten, brauchen oder wünschen, um sich möglichst passend verhalten zu können. Sie registriert das leiseste Missfallen in der Miene des anderen, um ihre gerade getätigte Aussage blitzschnell abmildern zu können oder notfalls ungeschehen zu machen. Denn nichts wäre für sie schlimmer, als etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Was richtig und was falsch ist, bestimmen für sie die anderen; so, wie sie es aus ihrer Vergangenheit gewohnt ist. Dieses Verhalten macht sie meist zu einer allseits beliebten, unkomplizierten, häufig auffällig fröhlichen Freundin, Mitschülerin, Partnerin oder Kollegin. Sie gefällt sich in der Rolle des Everybody‘s Darling und würde von sich sagen, dass sie einfach mit jedem gut auskommt. Meist schon in der Pubertät beginnen diese Frauen, eine perfekte Fassade von sich, ihrem Beruf, ihrem Freundeskreis und ihrer Familie zu kreieren. In ihrer Erinnerung hatten sie eine äußerst glückliche Kindheit, manchmal ohne echte, eigene Erinnerungen daran. Was sie darüber wissen stammt aus den Erzählungen ihrer Familie, die sie als ausgeglichenes, fröhliches Kind beschreiben. Ein echter Sonnenschein. Konflikte sind für sie ein Fremdwort, sie sonnen sich lieber im Licht der Anerkennung und Bewunderung, die sie für ihr angepasstes Verhalten und ihre Leistungen bekommen. Häufig merken sie ihren regelrechten Hunger nach Anerkennung nicht, der immer wieder aufs Neue befriedigt werden muss. Nicht selten entwickeln sie Tendenzen, sich selbst (zu) viel abzuverlangen; sie hungern sich buchstäblich aus. Daher sind (leichte Formen von) Essstörungen unter ihnen keine Seltenheit. Doch ihr Schlankheitswahn wird häufig weder von ihnen, noch von ihrem Umfeld ernstgenommen noch diagnostiziert. Denn das würde nicht in ihr Selbstbild (und das Bild ihres Umfeldes von ihnen) passen. Sie funktionieren ja auch bestens, wirken immer fit und kompetent und schaffen es irgendwie meist auch, stabil zu bleiben. Vor allem in jungen Jahren, wenn sie noch genügend Energie haben. Später sind Perfektionistinnen leider Kandidatinnen für einen Burnout. Vor allem, wenn sie es nicht schaffen, die extrem hohen Erwartungen an sich selbst herunterzuschrauben. Das Pensum, das sie von sich selber fordern, würden sie nie von einem anderen verlangen, das ist ihnen auf Rückfrage durchaus zugänglich.
Perfektionisten haben Angst vor Kritik und Ablehnung
Ihre Angst Fehler zu machen, ist im Grunde eine Angst vor Kritik, die ein Gefühl von Unzulänglichkeit auslöst. So darf ich nicht sein. Aufgrund ihrer frühkindlichen Erfahrungen fürchten sie dann, für unangebrachtes oder falsches Verhalten abgelehnt, ausgeschlossen oder gar (emotional) verlassen zu werden. Ihre perfekt erscheinende Fassade hilft ihnen, tiefe Unsicherheit, Selbstzweifel und Gefühle von Wertlosigkeit und zu verbergen. Wird der von sich selbst erwartete Berg zu groß, kann es auch zu Prokrastination[7] kommen. Dann erscheint es sicherer, etwas lieber aufzuschieben als es anzufangen und möglicherweise zu scheitern. Würde man sie fragen, wie sie sich selber sehen, würden sie vermutlich ein Bild von sich zeichnen, das von einer autonomen, perfekten und selbstbewussten Frau spricht. Ihre tiefen Ängste vor Kritik, Fehlern, Unzulänglichkeiten oder Ablehnung sind ihnen meist nicht zugänglich. So knüpfen sie, ohne es zu merken, ihren eigenen Wert an ihre Leistung. Fast wie ein Zwang, immer aufs Beste funktionieren zu müssen. Doch wer kann schon immer und ewig Bestleistungen vollbringen?
Für Perfektionistinnen bedeuten Fehler ihre eigene Vernichtung
Das ist die eigentliche Tragik dieser Anpassung: Fehler scheinen ihr ganzes Wesen in Frage zu stellen, als würde sie ein kleines Missgeschick, ein Versehen, völlig vernichten. Ihre eigenen Stärken, für die sie tatsächlich sehr viel Wertschätzung erhalten, bleiben ihnen gefühlsmäßig verborgen. Sie wissen zwar kognitiv, dass sie immer wieder gelobt werden, doch fühlen können sie ihre eigenen Kompetenzen meist nicht. Still und heimlichen nagt der Zweifel an ihnen, vielleicht doch nicht so gut zu sein, wie alle sagen. Das kann sich bis zum Imposter-Syndrom[8] steigern, also dem Gefühl, eine Hochstaplerin zu sein. So sind und bleiben sie abhängig vom Urteil der Außenwelt und von immer wieder erneuter Bestätigung, dass sie ihre Sache gut machen. Dabei wird klar, wie wenig es Frauen mit dieser Anpassung möglich ist, anderer Meinung zu sein, als der Rest. Zu groß wäre die Gefahr, sich als Außenseiterin zu exponieren und damit ggf. den Unmut ihres Umfeldes auf sich zu ziehen oder sich kritisiert zu fühlen. So passen sie sich lieber blitzschnell an, spüren intuitiv, was von ihnen verlangt wird, und liefern wie gewohnt ab, was sie meinen, dass von ihnen verlangt wird.
Perfektionisten neigen dazu, die Schuld bei sich zu suchen
So strukturierte Menschen neigen dazu, die Verantwortung, und vor allem die Schuld, sofort bei sich selbst zu suchen. Als hätte alles immer mit ihnen zu tun, was um sie herum passiert. Und auch, als könnten sie auf alles Einfluss nehmen, was gerade los ist. Als müssten sie Entwicklungen immer korrekt vorhersagen und entsprechend parieren können, so dass das Geschehen eine gute Wendung nimmt. Vor dem Hintergrund der narzisstischen Verwundung ist diese Denkweise in sich gesehen logisch, denn das narzisstische Größenselbst sieht sich selbst als den Nabel der Welt. Doch wie belastend muss es sein, sich immer für alles verantwortlich zu fühlen? Als wären diese Menschen zwangsläufig schuld, wenn etwas mal nicht rund läuft. Als gäbe es keine höhere Gewalt, oder äußere Einflüsse, die das Geschehen mitbestimmen. Sind diese Schuldgefühle erst aktiviert, haben es Perfektionistinnen meist auch mit massiven Schamgefühlen zu tun. Denn, so fehlerhaft dürfen sie auf keinen Fall sein. Die Unterscheidung von „ich habe einen Fehler gemacht“ (Schuld) und „ich bin falsch“ (Scham) existiert für sie meist nicht. Jedes kleinste Fehlverhalten muss, fast zwanghaft, auf das eigene Versagens-Konto verbucht werden, als wäre damit alles vernichtet. Als wäre jegliche Leistung, die davor erfolgreich vollbracht wurde, völlig weg. Ihr Konto, das eigentlich ihre Erfolge aufsummieren müsste, scheint immer wieder leer zu laufen. So müssen sie ihre Leistung ein ums andere Mal erneut bewiesen, obwohl ihr Umfeld das meist gar nicht von ihnen erwartet. Im Gegenteil: Außenstehende erkennen ihr Können und ihre Leistungen durchaus an. Dennoch setzt ihnen ihr eigener innerer Kritiker zu, der sie für jeden noch so kleinsten Fehler verurteilt, als hätten sie auf ganzer Linie versagt. Ein Teufelskreis. So machen sich Perfektionistinnen abhängig vom Urteil der anderen (Spieglein, Spieglein an der Wand) und geben damit anderen Menschen eine enorme Macht über sich.
Perfektionismus und Aggressionshemmung
Wie schon erwähnt sind Perfektionistinnen in der Regel angepasst. Sie wollen es allen recht machen. Aggressionen sind ihnen fremd, vielleicht haben sie diese sogar völlig gehemmt, was dazu führt, dass niemand angegriffen oder verletzt werden darf. Damit kommt ihr Umfeld hervorragend klar, denn von ihnen ist kein Angriff zu erwartet. Im Gegenteil, sie werden eher versuchen, sich auch im Falle von Grenzverletzungen, Missbrauch oder Manipulation eher anzupassen, als sich zur Wehr zu setzen. Damit können sich andere mit ihnen viel erlauben, bis sie aus ihrer Deckung kommen (müssen). Trifft eine so verwundete Perfektionistin zum Beispiel auf einen malignen Narzissten, wird dieser sofort erkennen, dass seine manipulativen Verhaltensweisen bei ihr fruchten. Da sie geneigt ist, zuerst die Schuld bei sich zu suchen, wird sie möglicherweise seine Abwertungen nicht als solche erkennen. Sie wird sich tendenziell viel gefallen lassen und versuchen, sich immer wieder anzupassen. Was einst eine gute Strategie war, könnte hier nachteilig für sie sein. Denn sich einem (malignen) Narzissten anzupassen, kann für sie selbstzerstörerisch wirken.
Perfektionismus und Selbstwert
Im Kern des Perfektionismus sitzt außerdem die Überzeugung, nicht gut genug zu sein. Der eigene Wert kann vielleicht kognitiv erfasst, aber nicht gefühlt werden. Irgendwie ist ihr schon klar, dass sie nicht so schlecht sein kann, wenn andere sie loben, aber wirklich glauben, kann sie es nicht. Umso tragischer, wenn sich Erfolg an Erfolg reiht, ohne dass sie ihre eigenen Leistungen wirklich spürt. Ihr Selbstwert ist äußerst labil, kann schnell vom Umfeld erschüttert werden, und ist sehr stark vom Wohlwollen der Außenstehenden abhängig. Ein klitzekleiner Fehler könnte alles vernichten, so bleibt sie auf Allianzen mit Menschen angewiesen, bei denen sie sich sicher fühlen kann. Damit machen sich Perfektionistinnen extrem abhängig von der Gunst ihres Umfeldes, was zu enormem inneren Stress führen kann. Vor allem je höher diese Menschen im Sinne der Karriere aufsteigen und je weniger vertrauenswürdige Personen sie um sich haben, von denen sie keine Angriffe befürchten müssen.
Schritte raus aus dem Perfektionismus
Um aus dem Perfektionismus aussteigen zu können, ist es zunächst notwendig, sich in seinem Verhalten zu reflektieren und seine eigene Anpassung anzuerkennen. Wie gehe ich mit Fehlern um? Was passiert, wenn ich kritisiert werde? Erlebe ich Kritik als Kränkung oder kann ich erkennen, dass ich mich dadurch weiterentwickeln kann? Kenne und schütze ich meine Grenzen? Wie gehe ich mit Konflikten um? Muss ich wirklich 120% liefern, oder sind 95% vielleicht in diesem Falle gut genug? All das sind Fragen, die eine Rolle spielen, wenn sich Perfektionistinnen auf einen Veränderungsprozess einlassen wollen. Dabei ist maßgeblich, wie sehr sie sich wieder auf ihr Fühlen einlassen können. Denn nur ein inneres Gefühl von: „das habe ich gut gemacht“, ist ein Gegengewicht zu dem Drang, sich eine Bestätigung von außen zu holen. Nur wer seinen eigenen Wert wirklich spürt, wird nach und nach unabhängig vom Urteil seiner Außenwelt. Nur dann kann er aushalten, dass andere mehr können oder vielleicht anderer Meinung sind, und wird ertragen, dass Fehler zu ganz normalen Lern- und Entwicklungsprozessen dazugehören. Ehrlich gesagt lernen wir ausschließlich aus unseren Fehlern. Denn sie sind es, die uns eindeutig sagen, wo wir unsere Grenzen haben, etwas noch nicht rund oder in die falsche Richtung läuft. Wie ein Korrektiv, dass uns eine Rückmeldung gibt, wo noch Korrekturbedarf besteht. Ich hoffe, dass dieses Wissen um den Wert von Fehlern auch immer mehr in unserer Kultur, und damit in unserer Gesellschaft, Einzug hält.
[1] Immer m/w/d
[2] https://www.klinik-friedenweiler.de/blog/perfektionismus-die-balance-zwischen-exzellenz-u-psychischer-belastung/
[3] https://klugwort.de/zitat/perfektionismus-ist-nicht-dasselbe-wie-brene-brown
[4] Da es sich um ein äußerst komplexes Gebiet handelt, werden einige Themen nur angerissen, andere finden ggf. auch keine Erwähnung.
[5] https://www.therapie.de/psyche/info/ratgeber/lebenshilfe-artikel/perfektionismus/artikel/
[6] https://baerbel-wardetzki.de/wp-content/uploads/2019/10/Weriblicher-und-m%C3%A4.Narzissmus-PID.pdf
[7] https://www.netdoktor.de/symptome/prokrastination/
[8] https://www.klinik-friedenweiler.de/blog/selbstzweifel-imposter-syndrom-psychische-erkrankungen/
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- An oberster Stelle steht aus meiner Sicht, dass eine Perfektionistin lernt, ihre hohen Ansprüche an sich selbst zurückzunehmen. Nie würde sie das Pensum von anderen verlangen, dass sie (insgeheim) von sich selbst fordert.
- Wichtig ist dabei, ihren Mechanismus zu verstehen, wie sie die Ansprüche an sich selbst stellt. Das könnte eine offen anklagende Stimme sein, die von ihr immer mehr Leistung fordert (siehe dazu auch die Dynamik von Verfolger – Opfer – Retter im Drama Dreieck). Es können aber auch heimliche Anforderungen sein, die sie nur indirekt durch ihre Stimmung oder das Gefühl von innerem Druck oder Schuldgefühlen spürt.
- Da das Fehlermachen Perfektionistinnen buchstäblich zu vernichten scheint, ist es weiterhin wichtig, dass sie sich selbst Fehler zugesteht und erkennt, dass Fehlermachen zum Menschschein dazugehört. Sonst wäre sie ein Roboter.
- Häufig fühlen sich Perfektionistinnen bereits als völlige Versager, wenn sie einmal etwas nicht wissen oder nicht können. Auch hier ist es wichtig zu verstehen, dass es ganz normal ist, nicht alles immer wissen oder können zu müssen. Denn das kann schnell in Schuldgefühle münden.
- Gerade vergangene Situationen werden dann innerlich ewig nachverhandelt. Eins ist klar: wenn jemand etwas nicht gewusst hat, hätte er es auch nicht besser machen können! Denn hätte er (oder sie) es besser gewusst, hätte sie es sicherlich anders gemacht.
- Eine Perfektionistin wird auf ihrem Entwicklungsweg erkennen, wie gnadenlos sie mit sich umgesprungen ist. Das kann erst einmal ein Schock sein. Oberstes Gebot in dieser Phase ist es zu lernen, milde mit sich umzugehen und Liebe und Mitgefühl für sich selbst zu entwickeln.
- Im Laufe ihrer Persönlichkeitsentwicklung kann sie idealerweise wieder mehr in Kontakt mit ihrem mitfühlenden Herz kommen, um letztlich sich selbst in ihrer Art und Weise liebevoll annehmen zu können.
- Das wird sich auch auf ihren Selbstwert auswirken. Denn je mehr sie ihre Qualitäten fühlen lernt, desto weniger wird sie von den Bewertungen in ihrer Außenwelt abhängig sein.
- Wenn Everybody’s Darling außerdem lernt, auch mal mit der Faust auf den Tisch zu hauen, um damit zu ihren eigenen Bedürfnissen und Gefühlen zu stehen, selbst auf die Gefahr hin, sich dadurch unbeliebt zu machen, dann kann das zu einer wahren Heilung führen.
- Wer perfektionistisch geprägt ist, steht unter der permanenten (mehr oder weniger unbewussten) Angst, Fehler zu machen und nicht gut genug zu sein.
- Um dieses Risiko zu minimieren ist in der Regel viel Vorausdenken nötig, um alle Eventualitäten zu berücksichtigen, die ggf. zum Scheitern führen könnten.
- Das ist einerseits eine unglaubliche Ressource: denn diese Menschen sind extrem gut in der Lage, zu planen, da sie gewohnt sind Situationen im Geiste vorweg zu durchdenken.
- Kommen solche Menschen unter Stress und damit unter psychischen Druck, fühlen sich gekränkt oder sind in einer Ausnahmesituation, fällt es ihnen meist unheimlich schwer, ihre Gedanken wieder „einzufangen“.
- Auch wenn es denjenigen nicht wirklich einschränkt, sich viele Gedanken zu machen, geht dafür einfach viel Energie drauf. Das ist der Preis dafür. Weniger kann in dem Fall auch mal mehr sein.
- Es ist also gerade für Perfektionistinnen ratsam, sich mit der Art und Weise zu beschäftigen, wie sie denken. Das geht über Selbstreflexion oder Selbsterfahrung, zum Beispiel in Begleitung eines Coaches oder Therapeuten.
- Wenn Deine Gedanken um ein bestimmtes Thema kreisen, und das buchstäbliche Tag und Nacht. Siehe dazu auch der Artikel zum Thema Overthinking
- Dabei spielen rationale Überlegungen, dass das eigentlich keinen Sinn macht, kaum eine Rolle.
- Als würden Deine Gedanken von Dir Besitz ergreifen und Dich permanent in meist hypothetische Szenarien reinziehen. So nach dem Motto: „was wäre, wenn“ oder „hätte ich damals doch anders gehandelt“.
- Es ist also ein wiederholtes und unproduktives Grübeln, das zu keiner Lösung führt. Im Gegenteil, es ist häufig begleitet von Selbstkritik und Schuldgefühlen.
- Deine Gedanken drehen sich wie in Endlosschleifen und es fällt Dir schwer, sie zu stoppen.
- Bei dem Grübeln geht es meist um Sorgen, Bedenken, oder Ängste und häufig ist der Blick entweder in die Vergangenheit oder in die Zukunft gerichtet.
- Problematisch wird das permanente Grübeln vor allem dann, wenn es Dich belastet.
- Wenn Deine Nachtruhe gestört ist, Du erschöpft wirst, Deine Konzentration oder Stimmung darunter leidet.
- Suche Dir auf jeden Fall Hilfe, wenn Du dazu noch Anzeichen einer Angststörung oder Depression wahrnimmst oder wenn Du merkst, dass das „Zerdenken“ chronisch wird.
- Mach die Gegenprobe, wenn Du unsicher bist: bringt Dir das Nachdenken Klarheit? Eine Lösung oder Erleichterung? Dann ist es produktiv und ein wichtiger Prozessbaustein.
- Siehe dazu auch die FAQ Wie steige ich aus Gedankenschleifen aus?
- Ein Narzisst (immer m/w/d) erlebt Kritik oder Zurückweisung häufig sofort als Kränkung. Manchmal reicht schon ein Mangel an Aufmerksamkeit oder Bewunderung.
- Eine Kränkung wird wie eine Erschütterung im ohnehin schwachen Selbstwertgefühl erlebt und kann mit Gefühlen von Ohnmacht einhergehen. Sie wird möglichst umgehend abgewehrt.
- Fühlt sich ein Narzisst gekränkt, reagiert er zum Beispiel mit Schuldzuweisungen, übertriebener Rechtfertigung, einem plötzlichen Wutausbruch, seinem sofortigen Rückzug oder dem Versuch, den anderen abzuwerten.
- Sein (unbewusstes) Ziel ist es, möglichst schnell aus den unangenehmen Gefühlen von Ohnmacht, Unterlegenheit, Unzulänglichkeit oder Scham zu kommen, die mit Kränkungen verbunden sein können, um wieder die Oberhand, und damit die eigene Souveränität, zu gewinnen.
- Kränkungen werden nicht einfach vergessen, sie können Jahrzehnte erinnert und immer wieder vorgehalten werden. Da sie sehr intensiv wahrgenommen werden, können sie einen Narzissten in tiefe Krisen führen.
- Siehe dazu auch „Warum macht ein Narzisst Geschenke?“
- Da Narzissten sehr empfänglich für Lob sind, gibt es eine Technik, die Kritik möglichst Wertschätzend zwischen zwei ehrlich anerkennenden Aussagen zu verpacken (Sandwich-Technik), um sie besser verdaulich zu machen.
- Ehrliches Feedback in der Ich-Form: so sprichst Du über Deine Gefühle, statt dem anderen sein Verhalten vorzuwerfen.
- Bleibe möglichst auf der Sachebene und zeige die Konsequenzen aus dem Verhalten auf, statt das Verhalten an sich zu kritisieren.
- Wichtig ist immer: Ruhe bewahren. Lass Dich möglichst nicht provozieren und steige notfalls aus dem Gespräch aus, falls es eine destruktive Richtung einschlägt.
- Kritik wird tendenziell vom Narzissten auf sich bezogen und persönlich genommen. Das gilt leider häufig auch für konstruktive Kritik. Siehe dazu auch: Hilfe, ich beziehe alles auf mich!
- Werden einem Narzissten (angemessene) Grenzen gesetzt, besteht die Gefahr, dass er sich zurückgewiesen und dadurch gekränkt fühlt. Das gilt auch für Reaktionen der Ablehnung oder Ignoranz, die er erfährt.
- Auch der Erfolg eines Kollegen, eines Familienmitgliedes oder Freundes kann schon kränkend wirken. Genauso wie der Verlust der Kontrolle oder des eigenen Status.
- Der innere Antreiber kann eine Stimme sein, die einen immer wieder zu neuen Höchstleistungen antreibt.
- Oder einfach ein Gefühl, noch mehr geben, mehr leisten zu müssen.
- Er hat mit dem immensen Anspruch an sich selbst zu tun, perfekt sein zu müssen, um akzeptiert zu werden.
- Er hat das permanente Gut-Funktionieren im Blick, das Mitgefühl für sich selbst bleibt dabei oft auf der Strecke. Wie schon beschrieben, würden perfektionistische Menschen dasselbe Pensum niemals von anderen erwarten.
- Eigentlich ein Wahnsinn, denn es ist zumindest theoretisch immer möglich, dass noch etwas Besseres nachkommt. Ein Mensch kann niemals alles bedenken, was es theoretisch zu bedenken oder zu tun gäbe. Immer, wenn ein Meilenstein erreicht ist, gibt es bereits den, der noch ein Quäntchen besser wäre. Wo soll das hinführen?
- Menschen, die mit einem, meist gnadenlosen, inneren Antreiber zu tun haben, dürfen lernen, was in der entsprechenden Situation gut genug ist. Sie können lernen, einfach ihr Bestes zu geben, auch wenn das in dem Moment vielleicht nicht viel ist.
- Mitgefühl mit sich selbst ist Menschen mit einem stetigen, inneren Antreiber meist fern. Vielleicht bis sie in einen Zustand kommen (müssen), in dem es nicht mehr weiter geht. Niemand kann immer Höchstleistung liefern.
Eine sehr frühe und rigide Sauberkeitserziehung bewirkt zum einen eine Überforderung beim Kind, weil es etwas kontrollieren muss zudem es eigentlich noch nicht in der Lage ist: zum Beispiel Sauberwerden mit einem Jahr. Zum anderen wird das Kind lernen, dass es von außen gesagt kriegt, was es „bei sich behalten“ muss und wann es etwas auszuscheiden hat. Es wird dadurch verlernen, aus eigener Kraft, in eigenem Tempo, zu erleben, was es wann loswerden will und was es bei sich behalten möchte. So wird ein Kind konditioniert, nach dem Bedürfnissen der Eltern zu leben. Es wird dadurch lernen, dass deren Bedürfnisse (nach der eigenen Sauberkeit) wichtiger einzustufen sind, als seine eigenen. So wird es Stück für Stück den Kontakt zu sich selbst verlieren. Dabei könnte ihm außerdem etwas von der Lebensfreude verloren gehen, die im spielerischen Erlenen von neuen Fähigkeiten liegt. Leider mündet eine rigide Sauberkeitserziehung beim späteren Erwachsenen häufig in zwanghaften Verhaltensweisen, auf Kosten der Flexibilität und Leichtigkeit.