Geschenke. Oh Du Fröhliche?

Geschenke. Oh Du Fröhliche?

Weihnachten ist in unserer Kultur eng mit Geschenken verknüpft. Mal abgesehen von den alten familiären Mustern, mit denen wir an den besinnlichen Tagen in unserer Ursprungs-Familie konfrontiert werden, kann auch das Thema Schenken und Beschenkt Werden belastet sein. Was schenke ich wem? Was wird von mir erwartet? Aber auch: was erhalte ich als Geschenk? Trifft es meinen Geschmack? Oder sieht der andere mich gar nicht? Gerade Weihnachten, mit all den hohen Erwartungen an ein friedliches und besinnliches Fest und der familiären Nähe, die unterm Jahr häufig so gar nicht mehr besteht, bildet ein ziemlich undurchsichtiges Feld, für all die Emotionen und Gefühle, die sich zu dieser Gelegenheit miteinander verweben können. Vor allem, wenn durch Geschenke „komische“ Gefühle ausgelöst werden, lohnt es sich, die Situation einmal genauer anzusehen.

 

Da gibt es zum einen Geschenke, die eine „Funktion“ haben. Die so etwas sagen würden wie: „wenn Du mich nimmst, dann hast Du dafür dies zu tun oder das zu lassen“. Dumm ist nur, dass wir meist weder erkennen, dass wir beim Annehmen des Geschenkes eigentlich einen unausgesprochenen Deal eingehen, noch dass wir in unserem Kulturkreis die Möglichkeit haben, falls wir es merken sollten, ein Geschenk von vorneherein abzulehnen. Dazu gehören auch unangemessene Geschenke, also solche Gegenstände, die dem Anlass entsprechend viel zu teuer, zu groß oder zu viel sind. Das wäre das goldene Armband für eine eher flüchtige Bekannte oder der Arm voller Geschenke bei einer eher lässigen Vor-Weihnachtsfeier unter Kollegen*. Immer dann also, wenn der Beschenkte im Grunde merkt, dass das Geschenk in Größe, Qualität oder Preis nicht stimmig ist zu dem Verhältnis, in dem man zum Schenkenden steht. Hier sei gesagt, dass es – Kultur hin oder her – durchaus die Möglichkeit gibt, so ein unangemessenes Geschenk abzulehnen. Zu sagen, dass man sich damit nicht wohlfühlt.

 

Solche Geschenke können im Beschenkten* die unterschiedlichsten Gefühle auslösen. Fühlt er sich geschmeichelt, so könnte er schon am Haken hängen, bei nächster Gelegenheit ein etwa gleichwertiges Geschenk zurück zu schenken, könnte den Geber idealisieren und bewundern. Oder er revanchiert sich in vergleichbarer Art und Weise nur aufgrund eines inneren Drucks, der aus Schuld- oder Schamgefühlen entstanden ist. Auch Gefühle wie Wut oder Kränkung können im Beschenkten ausgelöst werden, vor allem bei abwertenden Geschenken. Traut er sich nicht, das anzusprechen, wird er gerade an Weihnachten „alle Jahre wieder“ an die alten Wunden erinnert, vor allem, weil sich bei dieser Gelegenheit die selben Mitglieder der Familie immer und immer wieder treffen, auch wenn sie sonst nur noch wenig miteinander zu tun haben.

 

Geschenke können auch eine offene oder eine verdeckte Abwertung darstellen. Hier macht sich der Schenkende unseren gesellschaftlichen Rahmen zu Nutze, gemäß dem wir Geschenke auf jeden Fall höflich annehmen und artig danke sagen sollen. Nein, müssen wir nicht! Doch meistens steckt dieses Verhalten so tief in uns drin, dass wir uns schneller bedankt haben, als unser Verstand die Gemeinheit enttarnt hat, die in so einem Geschenk steckt. Das könnte das Buch „gesunde Ernährung zum Idealgewicht“ sein, dass eine Frau von ihrem Kollegen* im Beisein aller anderen bekommt, der wohl weiß, wie heikel das Thema ihrer Körperfülle für sie ist. Oder ein eher verdeckter Hinweis auf die Schwächen des anderen, die nur der Beschenkte verstehen kann. In beiden Fällen ist es für das „Opfer“ schwierig, wütend zu reagieren, da es sich ja erstens um ein Geschenk handelt (was bei uns per sé als eine wohlmeinende Geste anerkannt ist) und zweitens eine wütende Reaktion nur ein „aber ich wollte Dir doch nur eine Freude machen“ ernten könnte, auf das sich dann schwierig etwas erwidern lässt.

 

Geschenke sagen sehr viel über den Schenker* aus. Hat er sich wirklich Gedanken gemacht, was der andere mag? Schenkt er nur das, was er selber gerne bekommen hätte? Hat er gar ein liebloses Geschenk „entsorgt“, über das er sich selbst geärgert hat? Will er mit dem Geschenk etwas erreichen? Zum Beispiel im Kollegenkreis für sein großzügiges Geschenk bewundert werden? Die flüchtige Bekannte durch das teure Armband an sich binden?  Oder soll eine unterschwellige Botschaft übermittelt werden, die er sich nicht traut offen auszusprechen? Die Palette, mit der Geschenke aufgeladen sein können, ist so bunt und breit wie die Motive, die sich dahinter verbergen können.

 

Letztlich ist es auch egal, weshalb jemand etwas Unangemessenes, Unpassendes oder Abwertendes mitbringt und ob ihm das bewusst oder unbewusst ist. Den Menschen können wir weder verändern, noch erziehen, noch davon abhalten, etwas zu verschenken. Doch wir können sehr wohl innehalten, wenn wir plötzlich ein komisches Gefühl haben, und überlegen, ob wir das Geschenk wirklich entgegennehmen wollen. Wir können uns auch trauen, Wut oder Enttäuschung zum Ausdruck zu bringen, auch wenn das den meisten in der Kindheit abtrainiert wurde. Denn nur so wird klar, dass ein abwertendes Geschenk seinen Zweck verfehlt hat. Wir haben auch die Freiheit, auf ein überteuertes Geschenk, das wir bereits angenommen haben, nicht mit einem teuren Gegengeschenk zu reagieren. Wichtig ist nur, sich bewusst zu machen, für was man sich entscheidet. Und einverstanden zu sein, die Konsequenzen zu tragen. Denn eins ist klar: wenn wir uns entscheiden, aus der uns zugedachten Rolle beim Beschenkt Werden auszusteigen, wird das dem Gegenüber nicht gefallen. Doch dafür können wir uns treu bleiben. Besinnliche Weihnachten.

*immer m/w/d

Bildnachweis: Geschenke Verpackt – Suchen Bilder (bing.com)

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