Das Phänomen des unsichtbaren Zaunes
In sehr engen, symbiotischen Gemeinschaften kann das Phänomen des unsichtbaren Zaunes auftreten. Gemeint ist hier vor allem eine gemeinsame Außengrenze der Gemeinschaft, die nicht deutlich kommuniziert wird und den Beteiligten daher meist nicht bewusst ist. Dass es eine Außengrenze gibt und wo sie verläuft, wird neuen Mitgliedern durch die Blume klar gemacht. Es geht darum, was erlaubt ist und welches Verhalten nicht geduldet wird. Alle in der Gemeinschaft sollen sich an die unklaren Vorgaben und heimlichen Erwartungen halten, die sie zum Teil gar nicht im Detail kennen. Neben der Spaltung in die anderen und wir herrscht außerdem ein auffallend bewertendes Klima. Alles wird in richtig oder falsch eingeteilt, dazwischen scheint es nichts zu geben. Klar ist, dass sich alle innerhalb des unsichtbaren Zaunes einig zu sein haben, denn abweichende Meinungen haben dort keinen Platz. Dadurch bleibt kaum Spielraum für echte Unterschiede oder Individuation, die ja Abgrenzungsmöglichkeiten erfordert. Kinder, die in solche Familien hineingeboren werden, lernen sehr früh, feine Antennen auszubilden und sich blitzschnell anzupassen. Denn in einem Erfahrungsraum ohne klar definierte und kommunizierte Regeln ist es für sie sozusagen überlebenswichtig, sich permanent an allen verbalen und non-verbalen Signalen zu orientieren, um zu verstehen, was gerade von ihnen erwartet wird.
Wie fühlt es sich in so einer Familie an?
Diese Art der Familienorganisation kann sich für Kinder, die damit konfrontiert sind, zunächst sehr förderlich, unterstützend und frei anfühlen. Sie können sogar davon überzeugt sein, dass es bei ihnen gar keine Grenzen gibt. Doch es ist ein Irrtum zu glauben, dass in diesen Familien alles erlaubt ist. Dort wachsen Kinder in einer Pseudo-Freiheit auf, bei denen zwar keine Grenzen kommuniziert werden, diese aber sehr wohl vorhanden sind. In so einem Milieu sind sie vor allem darauf trainiert, permanent ihre Bindungspersonen im Blick zu haben, um sich an deren Verhalten und Reaktionen orientieren zu können. Betroffene kostet das einerseits viel Energie und Aufmerksamkeit; sie werden regelrecht auf ihre Bezugspersonen fixiert. Andererseits wird dadurch auch ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt, das sich zunächst sehr stabil, freundlich und harmonisch anfühlen kann. Die Kehrseite dieser symbiotischen Gemeinschaften ist, dass sie keine oder kaum Individualität zulassen, Widersprüche unterdrücken, leugnen oder einordnen und dadurch Konflikte vermeiden. Keiner darf ausscheren, alle sollen im Gleichklang schwingen. Sobald sich allerdings jemand der unsichtbaren Grenze nähert oder diese zu überschreiten versucht, wird es interessant.
Wie werden die unsichtbaren Grenzen errichtet?
Heimlich und indirekt, sonst bräuchten die Grenzen ja nicht unsichtbar sein. Zum Vergleich: eine direkte Grenze ist eine Anforderung, die ausgesprochen und damit allen Beteiligten bekannt ist. Idealerweise ist damit auch klar, welche Konsequenz eine Übertretung nach sich zieht. Möchte jemand davon abweichen, weiß er[1] zumindest was das bedeutet, und kann auf dieser Basis eine Entscheidung treffen. Ein unsichtbarer Zaun ist eine ebenso klare Grenze, die nur nicht offen kommuniziert wird. Denkbar wäre hier beispielsweise, etwas Unerwünschtes bei anderen abzuwerten. So nach dem Motto: „Das geht gar nicht, wie die sich verhalten!“ Inhaltlich wird zwar über eine konkrete Situation von anderen gesprochen, doch emotional ist die Botschaft klar: „macht das bloß nicht bei uns!“ Ein klassischer double bind. In dieser Art von Familien fällt auf, dass Aussagen, die unterschwellige Botschaften enthalten, häufig gebetsmühlenartig wiederholt werden. Erwünschtes Verhalten wird betont, wiederholt und belohnt. Das Unerwünschte wird immer wieder abgewertet, beschämt oder bestraft. So wird auf manipulative und verstrickende Art Anpassung erzwungen. Nicht selten unter Einsatz von Liebesentzug. Eigentlich paradox, denn Liebesentzug droht mit Ablehnung und Ausschluss aus der Gemeinschaft, zielt aber im Grunde auf Wiedereingliederung ab. Zurück in die Reihe! Marsch Marsch! Und ab hinter den unsichtbaren Zaun.
Wie bemerke ich den unsichtbaren Zaun?
Klar werden die Grenzen erst, wenn sie verletzt werden. Und zwar an den Reaktionen der Gemeinschaft. Die Signale können so unterschiedlich sein, wie die Menschen, die sie senden. Wer in so einer Familie lebt, wird sofort wissen, wann er sich im Grenzgebiet befindet, sobald er bewusst darauf achtet. Denn er hat äußerst feine Antennen entwickelt und wird sofort spüren, wann sich das Klima im Raum ändert. Das können ein strenger Blick sein, ein trockenes Hüsteln, eine hochgezogene Augenraue oder eine abfällige Bemerkung wie: „das willst Du doch nicht wirklich?“ Wer so programmiert wurde, wird in der Regel zunächst reflexartig zurückrudern und vielleicht murmeln: „Hab‘s nicht so gemeint“. Dann wäre die Welt wieder in Ordnung und alle könnten ihn weiterhin liebhaben. Doch wenn er dabeibleibt, auf seiner Meinung beharrt oder auf seine Wünsche pocht, die offensichtlich jenseits des unsichtbaren Zauns liegen, ja dann wird Phase II eingeläutet. Hier sei stellvertretend für viele andere Möglichkeiten das Beschämen oder das Lächerlich machen genannt. Beides tut schon erheblich mehr weh. Der Betroffene fühlt sich jetzt bereits allein, separiert und verletzt. Wenn er immer noch nicht hören will, wird Phase III eingeläutet: der psychische Druck wird erhöht. Beliebt ist hier zum Beispiel, eine dritte Person, die vielleicht sogar völlig unbeteiligt ist, mit in die Angelegenheit hineinzuziehen. Das könnte ein Lehrer sein, der von den Eltern ins Vertrauen gezogen wird, um im guten Glauben mit dem armen Jungen zu sprechen. Diesem wird sofort klar, dass es vielleicht keine so gute Idee war und sein Vorhaben plötzlich größere Kreise gezogen hat, als ihm lieb ist. Das spätestens könnte ihn dann doch veranlassen, seine Dummheiten einzusehen und sich wieder in die erzwungene Harmonie seiner konfluenten Familienstruktur einzugliedern. Doch wehe, wenn nicht. Denn wenn er auf seinem Weg bleibt, dann kann ihm tatsächlich erst einmal der Rausschmiss blühen, aus seiner ach so feinen Familie. Die im Grunde nur lieb hat, was dasselbe will wie sie. Er könnte auch als Nestbeschmutzer beschimpft und im Familienumfeld schlechtgemacht werden. Oder er wird totgeschwiegen. Alles keine schönen Aussichten.
Welche Auswirkungen hat diese Erfahrung auf Menschen, die damit aufwachsen?
1. Das feine Sensorium: Segen und Fluch zugleich
Wie schon erwähnt, fordert dieser undurchschaubare Umgang von Kindern eine enorme Aufmerksamkeit und Wachsamkeit. Alle Signale der Bezugspersonen werden permanent gescannt und ausgewertet, um das eigene Verhalten daran anpassen zu können. So bildet sich einerseits ein sehr feines Sensorium verschiedener Antennen aus, die mehr oder weniger automatisch die Umgebung auswerten. Das kann vor allem dann sehr hilfreich sein, wenn es darum geht Stimmungen im Raum blitzschnell zu erfassen oder andere Menschen zu lesen. Doch das hat auch eine Down Side: natürlich werden Signale auch fehlgedeutet, oder die Situation ist sicher und es bräuchte überhaupt keinen Scan. Letztlich ist das Nervensystem dauerhaft zu fein eingestellt und versetzt tendenziell zu schnell in Alarmbereitschaft. Das kann sehr anstrengend sein. Für solche Menschen ist es also wichtig, sich selbst zunächst einmal kennenzulernen, um zu verstehen, auf was sie wie reagieren. Zum anderen sollten sie auch lernen, ihre Türe mal zumachen zu können, nicht immer alles mitzukriegen und sich selber wieder zu regulieren, wenn zu viel in sie hineingeschwappt ist.
2. Schwierigkeiten Grenzen zu setzen
Das Aufwachsen in einer konfluenten Gemeinschaft missachtet Grenzen auf vielfältige Weise. Neben den unsichtbaren Zäunen besteht im Innenverhältnis ehr die Tendenz der Verschmelzung aller Beteiligter, als würden ihre Grenzen ineinanderfließen. So nach dem Motto: was man einem antut, tut man allen an. Verlässt man diesen „Sumpf“, fällt es einem nicht nur schwer, anderen Menschen Grenzen zu setzen, es fehlt meist völlig der Bezug zu den eigenen Grenzen. Als würde man sich fragen: Wo fange ich an? Wo höre ich auf? Hier geht es also vereinfacht gesagt erst einmal darum, wieder scharfe Konturen zu ziehen, um den Verlauf der eigenen Identität klar nachzeichnen können.
3. Indirekte Kommunikation vermeidet Verantwortung
Wer mit indirekter Kommunikation aufwächst, wird sich zunächst schwertun, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche direkt zu formulieren. Das kann sich sogar gefährlich anfühlen und Angst erzeugen. So ein Mensch wird zunächst eher versuchen, auf altbekannte Muster zurückzugreifen und zum Beispiel versuchen einen Dritten für sich zu gewinnen, der ihm seine Bedürfnisse erfüllen soll. Da diese Menschen tendenziell früher spüren, was andere brauchen, lernen sie zunächst einmal, den Fokus zurück auf sich selbst zu richten. Darüber hinaus erfordert es für sie viel Mut, wirklich offen auszusprechen, was sie möchten. Denn sie haben nicht gelernt, für sich in dieser Art und Weise einzustehen und Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen.
4. Scham
Wie weiter oben schon erwähnt, ist Beschämen eine „beliebte“ Methode, einen anderen Menschen zu manipulieren und zur Anpassung zu zwingen. Scham ist ein so überwältigendes Gefühl, dass es nicht lange und nicht gut ausgehalten werden kann. Wer beschämt wird, knickt ein, vor allem, wenn er noch ein Kind ist. Das führt dazu, dass Reaktionen der engen Bezugspersonen tendenziell als unvorhersehbar und gefährlich wahrgenommen werden. Das verdeutlicht sehr anschaulich, weshalb so ein feines Alarmsystem installiert wurde. Zum anderen macht es auch klar, weshalb es im Erwachsenen Alter immer noch so viel Mut erfordert, sich wirklich mit seinen Wünschen an andere Menschen zu wenden.
5. Abhängigkeit
Durch diese Art der verstrickenden und verschmelzenden Beziehungen in so einem Familiensystem, werden Abhängigkeiten erzeugt. Einerseits bleibt der Bezugsrahmen nebulös und unklar, andererseits wird durch die ständige Aufmerksamkeit ein enges Geflecht erzeugt, das unheimlich stark bindet. Deshalb ist es auch für Erwachsene noch schwer, sich nach wie vor aus dieser Verschmelzung zu lösen. Was ist denn eigentlich der eigene Rahmen? Welche Werte hat man selber? Und was gehört nun wirklich zu mir? Das sind nur einige Fragen, auf die man erst einmal Antworten finden muss, um sich im eigenen Leben neu zu verorten.
[1] Immer m/w/d
Indirekte Kommunikation ist eine unreife Form der Kommunikation, bei der Wünsche, Bedürfnisse und Erwartungen nicht direkt ausgesprochen werden. Sie arbeitet zum Beispiel mit Auslassungen, Andeutungen oder Beispielen, aus denen der Empfänger die richtigen Botschaften heraushören soll. Der Sender vermeidet dadurch die Übernahme von Verantwortung und könnte sich jederzeit mit Ausflüchten aus der Affaire ziehen, falls er beim anderen auf Widerstand stößt. „Das hast Du falsch verstanden“ ist eine beliebte Ausrede, die zudem die Situation blitzschnell umdreht. Siehe dazu auch Gaslighting.
Wer schon sehr früh gelernt hat, auf indirekte Kommunikation zu reagieren, wird tendenziell versuchen, alles Gesagte zu analysieren und alles auf sich zu beziehen. Denn diese Lernerfahrung sagt: „Finde immer die Botschaft an Dich heraus!“ Da der Sender (meist eine emotional wichtige Person) unklar kommuniziert, verschleiert oder mit Andeutungen arbeitet und häufig das Wesentliche auslässt, wird der Empfänger versuchen, alles richtig zusammenzusetzen und zu ergänzen um die eigentliche Nachricht an sich herauszuarbeiten. Das führt meist zu einer Fixierung auf den Sender und gibt dieser Person eine immense Bedeutung.
In symbiotischen Familien oder Gemeinschaften ist das oberste (häufig ungeschriebene) Gesetz, alles gleich zu machen. Anpassung wird in der Regel direkt oder indirekt erzwungen. Sobald ein Mitglied beginnt, etwas „Eigenes“ zu entwickeln, das nicht mehr mit dem vorgegebenen Bezugsrahmen vereinbar ist, könnte das zu einem Bruch führen. Er (immer m/w/d) kann dann nicht mehr als Teil der verschmolzenen Gemeinschaft betrachtet werden und fühlt sich anders und vielleicht sogar ausgeschlossen.