Ungelöster Mutterkomplex des Vaters

Die Beziehung zur und die Bindungserfahrungen mit der Mutter wirken sich darauf aus, wie ein Mann später Frauen begegnet, im Besonderen seiner Partnerin und / oder der eigenen Tochter. Sind seine Erfahrungen eher unterstützend und für eine eigene, individuelle Entwicklung förderlich gewesen, wirkt sich das sowohl positiv auf seinen Selbstwert und sein Selbstvertrauen aus, als auch auf die Fähigkeit, später selber gesunde Bindungen eingehen zu können (sogenannter positiver Mutterkomplex[1]). Ist diese frühe Bindung von Verstrickungen, Dominanz, Distanz, Rollenumkehr und / oder Überbehütung geprägt, kann dies zu Unsicherheit, Abhängigkeit oder einer wenig ausgeprägten eigenen Identität führen und damit zu Schwierigkeiten in späteren Beziehungen zu Frauen. Vor allem dann, wenn eine gesunde Ablösung von der Mutter nur ungenügend gelungen ist (negativer Mutterkomplex). Das kann sich in Schuldgefühlen bei Abgrenzungsversuchen von der Mutter (oder Frauen im Allgemeinen) zeigen. Aber auch in einer unsicheren sexuellen Identität oder in einem Unvermögen, echte Nähe in Beziehungen zulassen zu können. Es wird auch vom Mutterkomplex bei Mädchen gesprochen, doch in diesem Artikel soll es ausschließlich um die Auswirkungen auf Mädchen gehen, die mit einem Vater aufwachsen, der hinderliche Bindungserfahrungen mit seiner Mutter in früher Kindheit gemacht hat.

Was könnte passieren, wenn ein Mann mit ungünstigen Mutter-Erfahrungen selbst Vater wird?

Hat ein Junge eine verstrickende, manipulative, sehr distanzierte oder ambivalente Mutterbindung erfahren, wird sich das, wie bereits angesprochen, nicht nur darauf auswirken, wie er Frauen im Allgemeinen begegnet, sondern auch auf die Beziehung zu seiner Frau und seiner Tochter[2]. Denn er wird die Erfahrungen, die er selbst gemacht hat, tendenziell auf andere Frauen in seinem Leben übertragen, vor allem, wenn sie eine emotionale Relevanz für ihn haben. Ich fokussiere in diesem Artikel vor allem auf die Auswirkungen, die das auf seine Tochter haben könnte, lasse also die Aspekte aus, wie es zu den einzelnen Prägungen kommt und was das für seine eigene Partnerschaft bedeutet.

Der Mutterkomplex und seine Ausprägungen

1. Der idealisierende Mutterkomplex

Idealisiert ein Sohn seine Mutter und stellt diese auf einen Sockel, so, als wäre sie eine Heilige, wird er im Erwachsenalter vermutlich auch dazu neigen, Frauen zu idealisieren, die ihm emotional wichtig sind. Seine Tochter wird feine Antennen für die Vorlieben ihres Vaters entwickeln, wie sie als Mädchen (als Frau) zu sein hat. Sie wird sich anstrengen, ihm zu gefallen und versuchen, seinem Idealbild zu entsprechen. Denn das sichert ihr in der Regel die Aufmerksamkeit und Anerkennung ihres Vaters, die ihr ansonsten verwehrt bleiben würden. Wie sehr sie dabei unter emotionalem Druck steht, seinem Bild zu entsprechen, merkt sie meist in ihrer Kindheit nicht. Genauso wenig, dass sie eigentlich einen unausgesprochenen Deal eingeht, den sie als Kind gar nicht durchschauen kann: artiges und für ihn passendes Aussehen oder Verhalten für „Papas Liebe“. In Wahrheit aber hat sie sich den Vorstellungen und (unausgesprochenen) Erwartungen ihres Vaters zu unterwerfen. Echte Liebe sieht anders aus. Sie würde das Mädchen in ihrer ganz eigenen Art fördern, auch wenn diese den Vorstellungen ihres Vaters zuwiderlaufen. Methoden, wie sie dazu gebracht werden kann, sich wie gewünscht zu entwickeln, sind vermutlich so vielseitig, wie es unterschiedliche Vater-Typen gibt. Nicht selten spielt dabei leider Liebesentzug eine Rolle. Würden wir das junge Mädchen, die junge Frau, selbst fragen, wie sie ihr Verhältnis zu ihrem Vater einschätzt, könnte sie sich durchaus als Papa-Kind bezeichnen. Nicht selten stellt auch sie ihren Vater, oder besser das Idealbild, das auch sie von ihm hat, auf einen Sockel. Hey, wenn sie ihren Vater als Prinzen sehen will, dann ist das doch nicht weiter schlimm, oder? Ja, das könnte man meinen. Doch die Tochter zahlt dafür einen hohen Preis: die Unerreichbarkeit des Ideals wird sie vielleicht zu perfektionistischem Verhalten anspornen, um bloß keine Fehler zu machen, ihm zu gefallen. Sie entfernt sich dabei mehr und mehr von ihrem wahren Selbst, das auch von ihm unerwünschte Eigenschaften beinhalten würde. Da sie mit seinem idealisierten Frauen-Bild identifiziert ist, werden seine Vorstellungen auch auf die Entwicklung ihrer Weiblichkeit Einfluss nehmen, was sich wiederrum auf ihre späteren Liebesbeziehungen auswirkt. Sie merkt nicht, wie sie dadurch von seiner Gunst und seinem Urteil abhängig bleibt. Das kann bis zur Ablehnung ihrer Weiblichkeit und Sexualität führen, wenn diese seinem Bild zuwiderlaufen. Bevorzugt er beispielsweise dünne, androgyne Frauen, könnte sie das bis in eine Essstörung führen, auch wenn die Natur ihr weiblich füllige Rundungen geben würde. Sie könnte auch mit ihrer Mutter um die Gunst des Vaters in Konkurrenz geraten, sollte er beide in ihrer Pubertät gegeneinander ausspielen. Hier sei das Stichwort Sexualisierung erwähnt, also das Kreieren eines sexuellen Kontextes, wo eigentlich eine väterlich beschützende Liebe stehen sollte (ohne gleich sexuellen Missbrauch mitzudenken!).

2. Der abwehrende Mutterkomplexine Überschrift ein

Fühlt sich ein Junge durch die Mutter immer wieder gekränkt und entwickelt vielleicht sogar eine unbewusste Wut auf sie, kann ihn das im Erwachsenenleben dazu veranlassen, echte Nähe zu Frauen zu vermeiden, sich kühl und abweisend zu geben. Er würde vermutlich einen unsicher vermeidenden Bindungsstil entwickeln. Hat dieser Mann dann eine Tochter, kann seine Art sich dem Kontakt mit ihr zu entziehen, sie nur noch mehr dazu anspornen, sich ihm gegenüber beweisen zu wollen, um ihn zu erreichen. Sie wird über seine Anerkennung versuchen, Nähe zu ihm herzustellen und dabei lernen: ich darf weder weich noch bedürftig sein. Seine Bestätigung, sein Schutz und vor allem seine Resonanz, die sie für eine gesunde Entwicklung eigentlich bräuchte, bleiben ihr durch dieses emotional distanzierte Verhalten verwehrt. Sie zieht vielleicht den Schluss, dass sie ihn stört, nicht richtig oder ihm zu viel ist. Das wird sie nur noch mehr dazu anspornen, ihm zu gefallen. Auch aus dieser Prägung kann ein Hang zum Perfektionismus entstehen. Mir ihren sehr feinen Antennen spürt sie seine Ablehnung gegenüber Weiblichkeit, ohne wirklich zu verstehen, welche Signale sie da aufnimmt. Als Folge lernt sie vielleicht, ihre sich in der Pubertät entwickelnde Weiblichkeit mehr oder weniger abzulehnen. Auch hier können Essstörungen die Folge sein, um sich seine Gunst zu sichern. Später könnte sie sich auch wieder einen emotional unerreichbaren Mann als Partner suchen, da ihr dieses Muster sehr vertraut ist.

3. Abhängiger Mutterkomplex

Hat ein Junge ein ungesundes Maß an Abhängigkeit von der Mutter erfahren, musste um ihre Aufmerksamkeit und Liebe buhlen, versucht er möglicherweise unbewusst, emotionale Nähe zur Tochter herzustellen und Bestätigung und Fürsorge bei ihr zu finden. Das hat zwar einerseits für sie den Effekt, sich ganz im Fokus seiner Aufmerksamkeit zu befinden, andererseits verführt sie dieses emotionale So-Sehr-Gebraucht-Werden vielleicht dazu, sich über die Maßen für das emotionale Wohlbefinden ihres Vaters verantwortlich zu fühlen. Das bringt sie eher in die Rolle seiner Partnerin als seiner Tochter und verhindert ihre altersgemäße Entwicklung. Sie fokussiert sich, ähnlich wie bei den anderen Formen, mehr als normal auf ihren Vater und seine Bedürfnisse. Doch egal, wie sehr sie sich anstrengt, für ihn da zu sein, es ist nie genug, als würde sie versuchen, das Wasser des Ozeans festzuhalten. Auch sie wird von ihm nicht als Individuum gesehen, denn Lob und Anerkennung erhält sie nur für das Funktionieren in ihrer Rolle, die ihr Vater von ihr braucht. Auch hier haben ihre Unzulänglichkeiten oder ihre Schwächen keinen Platz. Sie lernt sehr früh, dass sie selbst nicht im Mittelpunkt steht und eigentlich keine eigenen Bedürfnisse zu haben hat. Wie man sich gut vorstellen kann, verschwimmen auch in dieser Konstellation die Grenzen zwischen Vater und Tochter durch die Rollenverschiebung und es entsteht eine gegenseitige emotionale Abhängigkeit, derer sich beide normalerweise nicht bewusst sind. Später wird sich so eine Tochter wahrscheinlich wieder einen Mann suchen, den sie emotional regulieren muss und mit dem sie in eine gewisse Abhängigkeit gerät, denn das ist es, was sie als „Liebe“ zu Hause gelernt hat.

Wie Bindungsmuster die Beziehung zur Tochter beeinflussen können

Wächst also ein Mädchen mit einem Vater auf, der unsichere Bindungserfahrungen mit seiner Mutter gemacht hat, hat das wie beschrieben deutliche Auswirkungen auf den Umgang, den er mit seiner Tochter haben kann. Sie wird also höchstwahrscheinlich selbst einen unsicheren Bindungsstil entwickeln und entweder ängstlich, vermeidend oder vielleicht sogar desorganisiert gebunden sein. Vor allem dann, wenn sie eine sehr ambivalente Vaterbeziehung erleben musste, auf die sie sich nicht verlassen kann. Wie genau sich ihr Bindungsmuster entwickelt, hat natürlich auch mit den anderen Bindungsfiguren zu tun, die in ihrem Leben sonst noch eine Rolle spielen. Wen das Thema Bindungsstile interessiert, der kann sich hier einen Einblick über die insgesamt vier Bindungstypen[3] verschaffen. Was den Vaterkomplex angeht, können auch Mischformen aus diesen Varianten gleichzeitig oder in Folge auftreten. So könnte eine Tochter als kleines Mädchen vielleicht zunächst idealisiert werden, während sie in der Pubertät vom Vater Abwertung und Distanz erfährt. Zum Beispiel weil sie sich körperlich verändert, aber vielleicht auch, weil in dem Alter ihre Peer Group wichtiger wird als ihr Vater und er sich daraufhin plötzlich zurückzieht (und für sie emotional unerreichbar wird). Gerade die Pubertät, wenn die Tochter langsam zur Frau heranreift, kann für einen selbst unsicher gebundenen Vater eine enorme Herausforderung im Umgang mit seiner heranwachsenden Tochter bedeuten.

Mögliche Langzeitfolgen für die Tochter

Erkennbar werden die Folgen aus diesen Prägungen zum Beispiel dadurch, dass es einer Frau sehr schwerfällt, gesunde Grenzen zu setzen. Ein Hinweis könnte auch sein, dass sie tendenziell zu häufig Verantwortung für andere übernimmt, obwohl das eigentlich nicht angebracht wäre. Sie könnte auch dazu tendieren, es allen immer Rechtmachen zu wollen, eine Bindungsangst entwickeln, in Co-Abhängigkeiten hineinrutschen, Selbstwertkonflikte haben, die so etwas sagen könnten wie: „ich genüge nur, wenn ich stark oder perfekt bin“. Sie hat vielleicht ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer eigenen Weiblichkeit, kennt ein problematisches Essverhalten, oder spürt immer deutlich was andere brauchen, ohne ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse benennen zu können. Auch die Fähigkeit, andere emotional besser regulieren zu können als sich selbst, kann einen Hinweis darauf geben.

Integrationsmöglichkeiten

Wie so häufig ist der erste Schritt, sich der eigenen Thematik bewusst zu werden. Das kann über einen Artikel passieren, den man zum Thema gelesen hat oder über Hinweise von Freunden, ein Coaching oder eine Therapie. Wer sich dem Thema nähern will, wird sicher erst einmal lernen zu unterscheiden, was zum Vater und was zu ihr selbst gehört, denn das Erleben kann sehr verwoben sein. Die Arbeit mit Grenzen, Nein Sagen und Innere-Kind-Arbeit sind hier ebenso wichtig, wie die Stärkung der eigenen Ressourcen und Kräfte. Es wird auch darum gehen, die Projektionen des Vaters, wie sie als Tochter, als Frau zu sein sollte, zu trennen von ihrem realen Wesen, wie sie wirklich ist. Auch die Stärkung der eigenen Identität (wer bin ich, wenn ich nicht Vaters Bild entspreche) und das Zurückfinden zur eigenen Weiblichkeit, werden Meilensteine in der Persönlichkeitsentwicklung sein. Allen Frauen, die sich in dem Text wiederfinden können, empfehle ich, sich professionelle Hilfe zur Bearbeitung zu suchen.

[1] https://stefaniestahlakademie.de/mutterkomplex-bei-maennern/
[2] Ich verwende hier der Einfachheit halber Singular, gemeint sind natürlich auch
[3] Die 4 Bindungstypen und ihre Rolle in unseren Beziehungenmehrere Töchter.

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