Das Drama Dreieck: die Dynamik Verfolger-Opfer-Retter

Das Drama Dreieck ist ein psychologisches Konzept aus der Transaktionsanalyse[1], das 1968 von Stephen Karpman entwickelt wurde. Das Modell dient der Beschreibung von konfliktreichen Beziehungsdynamiken zwischen mindestens zwei Menschen. Die Beteiligten nehmen dabei eine von drei Rollen ein: Verfolger, Opfer oder Retter. Die meisten „Mitspieler“ bevorzugen eine bestimmte Rolle, können aber meist auch in jede andere wechseln. Es wird dabei gerne von einem „Spiel“ gesprochen, denn die Begrifflichkeiten erzeugen ohnehin schon starke Bilder: Verfolger (Täter) werden sofort mit realen Verbrechen assoziiert, ein Opfer verdient unser Mitgefühl und ein Retter erfreut sich großer Beliebtheit, setzt er[2] sich doch für anderer ein. Die Interaktionsmuster des Drama Dreiecks sind den Beteiligten nicht bewusst und sorgen gerade dadurch im Alltag für Tumult, Drama und Leid. In diesem Artikel möchte ich einen kleinen Einblick in die Rollen und Dynamiken geben ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Rollen des Drama Dreiecks im Überblick

Ein Mensch, der sich auf der Verfolger Position wohlfühlt, wird von außen als der aktiv Handelnde wahrgenommen und nutzt seine Macht zu seinen Gunsten. Er fühlt sich anderen überlegen und versucht diese Position mit (fast) allen Mitteln zu behaupten: er wertet ab, kontrolliert, kritisiert oder droht vielleicht sogar. Auf jeden Fall ist so eine Person „pushy“ und zeigt sich deutlich in dem, was er oder sie will. Nicht selten kommt es zu Grenzüberschreitungen. Durch die Art, wie sich ein Verfolger in der Welt durchzusetzt, ist er fast schon daran gewöhnt, für sein Verhalten beschuldigt zu werden. Häufig zu Recht. Den „Gewinn“, den er aus dieser Rolle ziehen kann, sind Gefühle von Überlegenheit und Stärke, die letztlich zur Abwehr von Gefühlen der Ohnmacht oder Hilflosigkeit dienen und damit den Kontakt zu eigenen Schwächen und Defiziten verhindern. So ist ein Verfolger weder mit sich selbst noch mit seiner Umwelt wirklich in Kontakt, denn sein Überlegenheitsgefühl verhindert echte Nähe und Augenhöhe. Der Preis für seine Position ist hoch: denn bei ihm entstehen meist Gefühle der Einsamkeit und Isolation.

Ein typisches Opfer fühlt sich hilflos, ist schnell überfordert und hat meist weder Zugang zur eigenen Macht noch Stärke. Wer diese Position einnimmt, ist es gewohnt, sich anderen unterzuordnen und fühlt sich minderwertig. Ein Mensch in der Opfer Rolle vermeidet es, Verantwortung zu übernehmen und bleibt so auf andere angewiesen. Will er eigene Ziele erreichen, bedient er sich subtiler Methoden wie Manipulation oder passiver Aggressivität. Ein Opfer möchte sich keinesfalls als Täter outen, um weiterhin als unschuldig und hilflos zu gelten. Es ist geübt darin, die Schuld bei anderen zu suchen, lieber abzuwarten und keine Entscheidungen zu treffen, sich zu beklagen statt nach Lösungen zu suchen, oder sich von anderen sagen zu lassen, was es tun soll. Jemand in der Opfer Position stellt sich hilflos und genießt die vermeintlichen Vorteile: man kann sich vor unliebsamen Arbeiten drücken, braucht keine Verantwortung übernehmen und vermeidet unangenehme Gefühle, sowie die Konfrontation mit sich selbst. Doch wer diese Rolle wählt, zahlt auch einen Preis: er hat es meist mit starken Schuld- und Schamgefühlen zu tun, deren Abwehr viel Energie kosten. Er befindet sich zudem in einer äußerst schwachen Position, die weder mit Tatkraft, noch Eigeninitiative ausgestattet ist. So bleiben Lebens-Träume meist in der Phantasie ohne die Möglichkeit, sie jemals aus eigener Kraft realisieren zu können. Das Opfer-Dasein ist wie ein Leben auf der Reservebank, bei dem man anderen beim Spiel zuschaut. Sein Fundament ist die erlernte Hilflosigkeit, auf der weder Selbstbewusstsein, Selbstwert noch Selbstwirksamkeit wachsen können. Dafür gedeihen auf diesem Boden verschiedene Arten von Abhängigkeiten umso besser.

Ein Retter hilft um zu helfen, häufig auch ungefragt. Er ist fokussiert auf die Bedürfnisse und Probleme anderer und läuft Gefahr, dabei den Kontakt zu sich selbst zu verlieren. Ob seine Hilfe wirklich benötigt wird, spielt für ihn eine untergeordnete Rolle und er könnte missachten, dass andere für sich selber sorgen können. Mit seinem Drang zu helfen eignet er sich hervorragend als Caretaker für Menschen mit narzisstischen Wunden oder einer Borderline Organisation. Jemand, der sich in der Retter Position wohlfühlt, übernimmt gerne die Verantwortung für andere, häufig auch ungefragt und ohne deren Grenzen zu achten. Durch sein schnelles und übereifriges Eingreifen übt er seine Macht aus, beeinflusst Ereignisse gerne auch zu seinen Gunsten und kann auf diese Weise Abhängigkeiten erzeugen. In der Regel ohne es zu merken. Im Grunde benötigt ein Retter Lob und Anerkennung für seinen Einsatz von anderen, um sich wertvoll zu fühlen. Die Chancen dafür stehen gut, denn Retter sind gesellschaftlich anerkannt. Doch auch diese Position hat ihren Preis: wer sich fast ausschließlich auf andere fokussiert, kennt häufig die eigenen Bedürfnisse, Nöte und Grenzen nicht, powert sich selbst aus um zu helfen, manchmal bis zur völligen Erschöpfung. Retter sind leider Kandidaten für einen Burnout. Wie selbstverständlich scheint er davon auszugehen, dass die anderen sich genauso um seine Bedürfnisse kümmern, wie er sich um ihre, und wird dann immer wieder bitter enttäuscht.

Gründe, warum sich Menschen im Drama-Dreieck bewegen

Wer sich im Erwachsenenalter als Protagonist im Drama-Dreieck wiederfindet, kennt dieses Verhaltensmuster vermutlich aus seiner Kindheit. Kinder haben sehr feine Antennen für alles, was in der Familie passiert und eignen sich leider nur zu gut als „Mitspieler“ im Drama von emotional verletzten oder traumatisierten Eltern. Sie können zum Beispiel durch emotionale Manipulationen in die benötigte Rolle gedrängt werden.

Um das „Spiel“ aufrechtzuerhalten, sind mindesten zwei Mitspieler nötig: das Opfer und der Verfolger. In der vollen Spielversion kommt dann noch der Retter hinzu. Kinder lernen sehr früh, welche Rolle ihnen zugedacht ist und was für ein Verhalten von ihnen diesbezüglich erwartet wird. Die Möglichkeiten sind vielfältig: sie können zum Sündenbock gemacht werden, Papas oder Mamas Liebling sein, als Rebell dazwischen gehen, zum Musterschüler werden, oder sie spielen einfach mit, weil sie die anderen nicht verletzen wollen.

Mitspieler im Sinne des Drama Dreiecks sind Menschen dann, wenn sie immer wieder von sich aus eine der oben beschriebenen Positionen einnehmen, andere durch ihr Verhalten zu geeigneten Reaktionen bewegen, oder sich selbst in eine der Rollen drängen lassen. Nimmt die Dynamik Fahrt auf, entfalten sich die für die Protagonisten typischen Verhaltensweisen. Im Grunde dient ein so erzeugter Tumult der Regulierung von Nähe und Distanz in zwischenmenschlichen Beziehungen. So versucht ein Verfolger beispielsweise mit Hilfe seiner Forderungen Kontakt und damit Nähe herzustellen, ohne zu merken, wie sehr er seinem Gegenüber damit auf die Pelle rückt oder gar dessen Grenzen verletzt. Ist der andere mit der Opfer Rolle vertraut, wird der sich bedrängt fühlen, vielleicht sogar bedroht, und ihm bleibt nur der hilflose Versuch, mehr Distanz zwischen sich und den Verfolger zu bringen. Denn sich offen zu Wehr setzen steht dem Typischen Opfer als Reaktionsmuster meist nicht zur Verfügung. So muss er sich zurückziehen, aus der Situation fliehen oder das Anliegen zurückzuweisen, das möglicherweise sogar berechtigt ist. Ein Retter könnte dem Opfer zu Hilfe eilen, Partei ergreifen, vielleicht sogar den Verfolger beschuldigen und damit selbst zum Verfolger werden. Hier wird klar, wie fließend die Übergänge in dem Spiel sein können.

Rollenwechsel und Spielverlauf im Drama Dreieck

Das Drama Dreieck steht mit der Spitze nach unten auf dem Kopf: die beiden obenstehenden Positionen werden von Retter und Verfolger eingenommen. Das macht alleine optisch ihre Überlegenheit deutlich. Das Opfer ist am tiefsten Punkt des Dreiecks angesiedelt, der unterlegenen Position. Die dadurch entstehende Wechselwirkung verunmöglicht, dass sich die Protagonisten auf Augenhöhe begegnen können. Verfolger und Retter ziehen, wie schon erwähnt, aus dieser Konstellation Gefühle von Macht, Stärke und Überlegenheit, wohingegen das Opfer viel Aufmerksamkeit und Anteilnahme erhält. Häufig geht es darum, Scham- und Schuldgefühle an die anderen weiterzugeben. Das macht das Drama Dreieck für alle Mitspieler attraktiv.

Ausgelöst wird die Dynamik durch einen Trigger, der den ersten Protagonisten in seiner Rolle starten lässt, die ihm meist wohl vertraut und mit positiven Gefühlen besetzt ist. Dieser sendet dann eine „Einladung“ an einen oder mehrere potenzielle Mitspieler aus. Steigt jemand darauf ein, kann das Spiel beginnen. Im Laufe der Zeit entscheidet sich eine Person unbewusst, die Rolle zu wechseln und verändert dadurch das Spieleverhältnis, was wiederum die Mitspieler animiert, darauf zu reagieren. Als Auslöser dafür kann Verschiedenes in Frage kommen: vielleicht reißt einem Mitspieler der Geduldsfaden, oder einem anderen wird es zu bunt, wenn der berühmte Tropfen sein Fass zum Überlaufen bringt. So könnte ein Retter zum Verfolger werden, in dem er beginnt, einem Mitspieler Vorwürfe zu machen oder ein Verfolger wird zum Opfer, wenn er durch seine fordernde Art beim Gegenüber auf Granit beißt und dadurch in die unterlegene Position gedrängt wird. Wichtig ist dabei zu verstehen, dass ein Opfer durch seine passiv aggressive Haltung seinen Verfolger regelrecht anstacheln und zur Weißglut bringen kann. Reagiert der dann um so heftiger, fühlt sich das Opfer in seiner Haltung bestätigt, meist ohne zu merken, wie es selber zur Verschärfung des Konfliktes beiträgt. In der Regel wiederholen sich die Muster immer wieder, die Auseinandersetzungen drehen sich im Kreis. Je mehr Runden in derselben Konstellation gespielt werden, desto mehr eskalieren die Situationen und können schließlich toxisch werden. Leider gibt es am Ende bei dieser Art des Spiels nur Verlierer.

Wenn das Drama Dreieck im eigenen Inneren abläuft

Meiner Erfahrung nach verinnerlichen Menschen dieses Interaktionsmuster vor allem dann, wenn sie schon sehr früh damit konfrontiert werden. Es etabliert sich dann ein innere, fast gnadenlose, Stimme, die einen enorm unter Druck setzt, wenn die (überhöhten) Erwartungen nicht erfüllbar sind. Das geht meist mit Schuld- und Schamgefühlen einher, selbst gesteckte Ziele nicht erreicht zu haben. Gerade Perfektionistinnen werden wissen, wovon ich spreche. Damit läuft eine dysfunktionale Dynamik im eigenen Inneren ab, die zwischen hilflosem Opfer-Dasein und einer gegen sich selbst gerichteten Verfolgung schwankt. Es ist auch denkbar, sich selbst in schwierige Situationen zu manövrieren, in denen man als Opfer gesehen werden kann, um sich selbst dann daraus zu retten und von außen Bewunderung für die eigene Stärke und Überlegenheit zu erhalten. Trotz alledem bleibt der Mensch, der solche Kniffe braucht, im Spiel des Drama Dreiecks gefangen.

Ausstieg aus dem Drama Dreieck

Der Ausstieg aus dem Drama Dreieck kann sich schwierig gestalten, weil die Mitspieler darauf bauen, dass sich jeder nach dem erwarteten Schema verhält. Sie versuchen zunächst meist, mit psychischem Druck zu reagieren, um den „Abtrünnigen“ wieder zum Mitspielen zu bewegen. Wer aussteigen will, muss zunächst wach werden für die Dynamik und die eigene Position. Welche Rolle nimmst Du in dem Spiel normalerweise ein? Welchen Vorteil ziehst Du daraus? Welche Trigger veranlassen Dich, wieder in das Spiel einzusteigen? Da diese Rollen häufig zur eigenen Identität werden ist es wichtig, erst einmal Abstand zu dem Spiel zu gewinnen, um sich ein Bild von dem Muster machen zu können, das wiederholt wird. Wer zum Beispiel automatisch rettend eingreift, muss sich klar werden, was er eigentlich braucht oder was er damit vermeidet. Ein typisches Opfer darf lernen, für die eigenen Bedürfnisse Verantwortung zu übernehmen und sich dafür auch aktiv einzusetzen. Ein Verfolger muss sich klar werden, dass nicht alle Menschen so konsequent sein können wie er selbst und vielleicht mehr Zeit für Entscheidungen brauchen. Um wirklich aus dem Drama Dreieck aussteigen zu können ist es wichtig, eine neutrale Position einzunehmen, um die gewohnten Verhaltensmuster zu verlassen. Dafür braucht es Klarheit und die Bereitschaft, den Gegenwind auszuhalten, der einem dann möglicherweise entgegenbläst. Wenn Dir das alleine nicht ganz so gut gelingt, dann suche Dir einen professionellen Begleiter, der sich mit dieser Dynamik auskennt.

[1] https://transaktionsanalyse-online.de/drama-dreieck/
[2] Immer m/w/d

  • Wenn Du das Gefühl hast, Du wirst immer wieder in eine bestimmte Rolle gedrängt, zum Beispiel heftige Vorhaltungen zu machen, obwohl das sonst nicht Deine Art ist.
  • Die Konflikte, die Du erlebst, drehen sich im Kreis, sind nicht lösungsorientiert und starten immer wieder neu.
  • Obwohl die Themen eigentlich geklärt sein sollten, spitzt sich alles mehr und mehr zu, eskaliert und führt in den Strudel einer Abwärtsspirale.
  • Gibt es Streit, sind die Situationen emotional extrem aufgeladen, mit Scham und Schuldgefühlen gespickt, oder es tauchen Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit auf.
  • Die Kommunikation ist unterschwellig, Bedürfnisse werden indirekt geäußert, Botschaften und Erwartungen eher verpackt als offen ausgesprochen.
  • Wenn Dir zum Beispiel immer wieder Verfolger begegnen, die Dir das Leben schwer machen, hinterfrage, ob Du dabei eine Rolle spielst, und wenn ja, welche.
  • Die Dynamik in der Beziehung fühlt sich an wie ein Tauziehen.
  • Siehe dazu auch die FAQ Welche Rolle hat der Caretaker im Drama-Dreieck?
  • Das Muster wird durch seine Wiederholung sichtbar lässt sich zunächst bei anderen einfacher erkennen, als bei sich selbst. Bist Du selber als Mitspieler involviert, reflektiere möglichst offen, welche Rolle Du einnimmst und mit welchen Verhaltensweisen Du das Spiel aufrechterhältst.
  • Hast Du es mit einem typischen Opfer zu tun, wirst Du immer wieder hören, dass es dies oder jenes nicht kann, die anderen besser sind, es einfacher haben, die Rahmenbedingungen eine gute Arbeit einfach nicht zulassen und so weiter. Ein Opfer findet Ausreden statt Lösungen, und findet Schuldige, statt selbst die Verantwortung für sein eigenes Tun zu übernehmen.
  • Im Einflussbereich eines typischen Verfolgers wirst Du Dich schnell unter Druck gesetzt fühlen, an Dich werden hohe Anforderungen gestellt und es wird Vorwürfe hageln, wenn etwas nicht zur Zufriedenheit des Verfolgers erledigt wird. Es können bei Dir Hilflosigkeit, Ohnmacht und vielleicht sogar Schuldgefühle auftauchen, die Dich vielleicht sogar in Deinen Schlaf verfolgen.
  • In der Nähe eines Retters wirst Du Dich wohlfühlen, Dir wird schnell und unbürokratisch Hilfe angeboten, vielleicht sogar unliebsame Aufgaben vorauseilend abgenommen, Du erhälts Ratschläge und wirst Dich gesehen fühlen. Retter jammern nicht, versprühen Kompetenz, Fröhlichkeit und Energie und sind allzeit zur Hilfe bereit. Interessant wird es, wenn Du die Hilfe ablehnst, die Verantwortung selber übernimmst und unabhängig bleibst. Ein typischer Retter braucht andere, die seine Hilfe in Anspruch nehmen (müssen).
  • Da diese Dynamik auch ins Toxische abrutschen kann, ist es ab einem bestimmten Punkt unbedingt ratsam, sich von einem Coach mit Erfahrung in diesem Bereich, oder einem Therapeuten unterstützen zu lassen.
  • Das Hauptziel der Mitspieler ist im Grunde, die Kontrolle über die Beziehung, die Situation und die Gefühle zu behalten.
  • Im Spielverlauf können viele Emotionen erzeugt werden: auf der Seite der unangenehmen Gefühle stehen Schuld, Scham, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Frustration, Ausgeliefertsein, Isolation, Anklage, Verleumdung, Ausgrenzung, Abhängigkeit und viele mehr. Angenehm anfühlen können sich Macht, Überlegenheit, Souveränität, Wirksamkeit, Tatkraft, Unterstützung, Hilfsbereitschaft, Aktionismus und weitere. Je nach bevorzugter Position fühlt sich ein Mitspieler in einer bestimmten Bandbreite wohl (das kann auch auf der Seite der unangenehmen Gefühle sein).
  • Die Brennstoffe, die das Drama Dreieck aber am Laufen halten, sind Spannungen und Druck, die von einem zum anderen weitergegeben werden. So wie eine heiße Kartoffel, die man unbedingt loswerden möchte und zum Nachbarn wirft. Fängt der sie auf, setzt sich das Spiel fort.
  • Ein Verfolger macht offen Druck, wohingegen ein Opfer lieber blockiert, was dadurch zu einer Art Stau führt, der einen Verfolger in der Regel veranlasst, seinen Druck noch zu erhöhen. Ein Retter kann häufig die Spannung und den Druck nur ganz schlecht aushalten. Er verspürt einen Drang einzugreifen und damit die Situation zu entschärfen. Es lässt sich leicht vorstellen, was das für eine explosive Dynamik werden kann.
  • Man sollte nicht die Spannung unterschätzen, die mit diesem Spiel einhergeht und auch zu einer ungeheuren sexuellen Anziehung führen kann. Ist das der Fall, könnte direkt nach einer heftigen Auseinandersetzung ein heißer Versöhnungssex folgen. Genau der macht es häufig schwer, sich aus so einer toxischen Beziehung zu verabschieden.

Wenn Du Dich immer wieder in der Rolle wiederfindest, Probleme anderer für sie zu lösen, kennst Du vermutlich die Position des Retters ziemlich gut. Es kann sich sehr kraftvoll anfühlen, sich für andere einzusetzen oder in deren Situationen einzugreifen. Doch sei Dir bewusst, dass Du dafür Deine Energie verwendest und dem anderen auch die Chance nimmst, selber die Kraft aufzubringen, etwas an der eigenen Situation zu verändern. Je bewusster Du Dir bist, ob Du das in dem Moment wirklich kannst und willst, desto freier wirst Du Dich für das eine oder andere entscheiden können.

  • Um die Rolle des Retters zu verlassen, brauchst Du zum einen das Bewusstsein dafür, wann Du Dich im Drama Dreieck befindest und dazu neigst, automatisch einzugreifen.
  • Durch deine Rettungsaktionen hältst Du die Dynamik des Drama Dreiecks am Laufen und verhinderst schlussendlich auch, dass ein Opfer lernt, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.
  • Es gilt also zum einen der Versuchung zu widerstehen, automatisch einzugreifen, denn dann bist Du in Deiner Rolle. Und zu anderen den Unmut des Opfers auszuhalten, wenn Du Deine Verhaltensweisen veränderst. Denn dem anderen wird Deine Veränderung nicht gefallen.
  • Da im Kern dieser Dynamik, meines Erachtens nach, die Abwehr der eigenen Ohnmacht steht, kannst Du als Retter nur aussteigen, wenn Du nicht nur Deine eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit aushalten kannst, sondern auch die des Opfers. Denn genau die Hilflosigkeit eines Opfers ist es ja, die Dich als Retter auf den Plan ruft, in das Geschehen einzugreifen.
  • Wenn Du das Opferdasein kennst, solltest Du Dich fragen, was Du von dieser Position hast. Denn im Grunde ist es eine schwache Position, in der Du auf Hilfe angewiesen bleibst.
  • Wenn Du wirklich aussteigen willst, musst Du die Opfer-Position an den Nagel hängen und Dein Leben selbst in die Hand nehmen und alle Gedanken Richtung der hat Schuld oder weil dies so ist, kann ich nicht, unterlassen.
  • Als typisches Opfer geht es darum, Dir Deine Macht zurück zu holen und selbst etwas gegen Deine Situation zu unternehmen. Dein Handeln ist der Weg raus aus Gefühlen der Hilflosigkeit und der Ohnmacht (= ohne Macht), die auch in dieser Position abgewehrt werden. Nur eben durch die Hilfe von außen.
  • Deine eigene Position wirklich ehrlich vor Dir selbst anzuerkennen und zu schauen, was Du dagegen tun kannst, ist der erste Schritt. Mach Dich schlau, eigne Dir die fehlenden Kompetenzen an und hole Dir selber Hilfe, wo Du wirklich alleine nicht weiterkommst.
  • Es geht also darum, dass Du wirklich für Dich und Dein Leben selber Verantwortung übernimmst.
  • Wenn Du die Rolle des Täters kennst, dann frage Dich, wie sehr Du das Gefühl der Kontrolle und der Macht brauchst.
  • Als typischer Täter im Sinne des Drama Dreiecks kann sich Deine Position im Handumdrehen wenden, vor allem, wenn Du es mit einem passiv aggressiven Opfer zu tun hast. Dann kannst Du ruck zuck selbst zum Opfer werden.
  • Werde Dir klar, wie sehr ein Täter ein Opfer braucht und wie sehr er selber die unterlegene und abhängige (ohnmächtige) Position eines Opfers abzuwehren versucht. Das ist alles andere als frei.
  • Um wirklich frei zu sein, und damit aus dem Drama Dreieck auszusteigen, ist es wichtig zu lernen, aufzuhören, auf andere Macht oder Druck auszuüben (auch wenn das zunächst eine eigene Entlastung bringen mag).
  • Zum anderen musst auch Du lernen, die Grenzen der eigenen Macht, also die eigene Hilflosigkeit in manchen Situationen, anzuerkennen und auszuhalten. Ohnmacht = ohne Macht. Wer das Gefühl kennt und akzeptiert, kann aufhören Macht über andere auszuüben.
  • Werde wach für die Situationen, in denen Du in die Rolle des Täters gedrängt werden sollst und gehe eine andere Straße entlang. Beiße also nicht an Köder an, lass andere ihre Angelegenheiten selber regeln oder nehme den Druck raus.
  • Manchmal kann es allerdings auch sinnvoll sein, per überlegter Entscheidung ein letztes Mal in die Rolle des Täters zu gehen (in die Du vielleicht sowieso gedrängt werden solltest) und die Beziehung bewusst zu beenden. Damit übernimmst Du zwar „Täter-Energie“, doch es dient dann vielmehr Deiner Sicherheit und ähnelt dann einem geordneten Rückzug.
  • Wie schon erwähnt, kann dieses Spiel im Grunde niemand „gewinnen“, auch wenn sich dieses Gefühl bei den Beteiligten kurzfristig immer wieder einstellen kann.
  • Alle Mitspieler sind an das Spiel gebunden und agieren beziehungsweise reagieren nur. Ein freies, selbstbestimmtes, verantwortungsvolles Handeln sieht leider ganz anders aus.
  • Was man aus meiner Sicht allerdings sehr wohl sagen könnte, ist, dass eigentlich das Opfer, also der unscheinbarste Mitspieler, dieses Spiel heimlich dominiert. Auch wenn er genauso seinen Preis dafür zahlt, wie die anderen Rollen-Spieler.
  • Ein Täter wird als solcher geoutet (oder er gibt sich selber zu erkennen), er muss also offen mit Anschuldigungen und Schuldzuweisungen umgehen und steht sozusagen im Rampenlicht. Er opfert seine gute Reputation, für das Spiel. Er verliert Sympathie-Punkte.
  • Ein Retter mag zwar als der strahlende Held dieses Dramas daherkommen, doch in Wahrheit opfert er seine Zeit, seine Energie, seine Geduld oder sonst etwas, um dem Opfer zur Hilfe zu eilen. Auch wenn ihm das bei seinem Rettungsversuch meist gar nicht bewusst wird.
  • Ein Opfer, das es sich in dieser Rolle bequem gemacht hat, opfert zwar seine Eigenständigkeit, hat aber im Grunde die meiste Macht, häufig ohne, dass die anderen beiden (oder Außenstehende) es bemerken. Es kann den Täter still und heimlich provozieren und sich dann im Mitgefühl der Umstehenden sonnen. Oder es kann einen Retter aktivieren, der ihm dann zur Hilfe eilt (in der irrigen Vorstellung, er könnte dadurch wirklich helfen).
  • Doch wie schon geschrieben, handelt es sich beim Drama Dreieck um eine toxische Psychodynamik, ohne Aussicht auf ein happy end, zumindest solange, bis Mitspieler aussteigen und das Spiel sein lassen.

Die Beteiligten erleben in ihren Beziehungen die Polaritäten Macht – Ohnmacht, Souveränität – Abhängigkeit oder Kontrolle – Unterwerfung, da es sich um ein Interaktionsmuster handelt, das zwischen Menschen auftritt. Unangenehme Gefühle werden in dieser Dynamik auf die Beteiligten verteilt, um sie selbst nicht erleben zu müssen. Leider gibt es bei diesem „Spiel“ nur Verlierer. Um aus diesem Muster auszusteigen ist es notwendig, dass Du Dich selbst mit diesen Themen beschäftigst und lernst, mit ihnen umzugehen, statt sie auf andere abzuwälzen. Erst wenn Dir Dein Verhalten bewusstwird und Du aufhörst, auf Provokationen einzugehen, wird Dir ein Ausstieg gelingen können.

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