Hilfe, ich beziehe alles auf mich!
Wer feststellt, dass er[1] immer alles auf sich bezieht, hat vermutlich gelernt, an allem schuld, für alles verantwortlich zu sein. Wie sonst sollte er auf die Idee kommen? Niemand ist immer und schon gar nicht an allem schuld. Also woher kommt diese Überzeugung? Und viel wichtiger: wie beeinflusst sie die eigene Gegenwart?
Das muss wohl an mir liegen, wenn sie sich nicht meldet
Natürlich sehen sich Kinder zunächst in ihrer Entwicklung als Nabel der Welt. Doch sie lernen in einem zugewandten Umfeld nach und nach zu unterscheiden, was bin ich und was ist die Welt. Sie lernen idealerweise, dass Dinge geschehen, die sie nicht in der Hand haben. Wenn zum Beispiel der Hamster stirbt, weil er alt geworden ist. Wer auch als Erwachsener noch alles auf sich bezieht, was in der Welt geschieht, und vor allem die Schuld der Ereignisse, die ihm widerfahren, zuerst und meist ausschließlich bei sich selbst sucht, tut gut daran wach zu werden, für diese Thematik, denn niemand kann immer die Verantwortung für die Welt übernehmen. Wach werden bedeutet in diesem Zusammenhang überhaupt erst einmal zu merken, dass zum Beispiel der Grund für das miese Verhalten der besten Freundin nicht automatisch darin liegt, dass ich mich zu wenig gemeldet habe oder sonst etwas hätte tun müssen, damit es gar nicht erst dazu gekommen wäre. Diese Art der Gedanken laufen zunächst so automatisch ab, dass Betroffene gar nicht merken, wie sie den anderen in Schutz nehmen, vielleicht sogar verteidigen und damit die volle Verantwortung für ein fremdes, unangebrachtes Verhalten übernehmen. Für sie ist es sehr schwer zu unterscheiden, was aus einer Dynamik heraus entsteht, also was wirklich eine Reaktion auf ihr vorheriges Verhalten ist, und was möglicherweise gar nichts mit ihnen zu tun hat, was vielleicht einfach nur deshalb passiert, weil der andere gerade einen schlechten Tag hat oder in dem Moment einfach gemein ist.
Woher kommt es, dass ich so reagiere?
Menschen, die dazu neigen, alles, was um sie herum geschieht, grundsätzlich erst einmal auf sich zu beziehen, sofort die Verantwortung für eine Miesere auf sich zu nehmen und häufig auch die Schuld, haben offensichtlich gelernt, dass alles, was schiefläuft, irgendwie mit ihnen zu tun hat. Sie haben sehr feine Antennen für die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen und sind es gewohnt, mit ihrer Aufmerksamkeit mehr beim anderen zu sein, als bei sich selbst. Ein eigenes Fehlverhalten wird so automatisch angenommen, dass es ihnen häufig gar nicht bewusst wird, selbst wenn es gar keinen Grund für diese Reaktion gibt. So nach dem Motto: was könnte ich nur gemacht haben, dass die andere so (auf mich) reagiert? Sie sind häufig so damit identifiziert, dass die Situation mit ihnen zu tun hat und dass sie schuld daran sind, dass ihnen ihre eigene, objektive Wahrnehmung, völlig verloren geht. Sie sind in dem Moment nur noch auf ihr Gegenüber fokussiert. Eine gesunde Aggression, die es ermöglichen würde, sich abzugrenzen oder sich zu wehren, scheint ihnen dann gar nicht zur Verfügung zu stehen.
Wenn ich Schuldgefühle habe, gebe ich sofort klein bei
Diese Art, auf die Welt zu reagieren, scheint vor allem auch mit Schuldgefühlen kombiniert zu sein. Gibt es ein Problem? Das muss an mir liegen. Ich hätte mich anders verhalten sollen. Wer automatisch so oder so ähnlich auf Konflikte reagiert, richtet sich und sein Verhalten nach der Welt von anderen aus. Das macht ihn einerseits sehr von deren Reaktionen abhängig und andererseits auch leicht manipulierbar. Schuldgefühle eignen sich hervorragend zur Manipulation und es scheint, dass Menschen, die emotionale Manipulation in ihrer Kindheit erlebt haben, besonders anfällig für diese Methode sind. Denn wer als Kind emotional unter Druck gesetzt wurde, wird sofort auf alles reagieren, was in diese Richtung geht, und lieber klein bei geben, als sich einem Konflikt auszusetzen.
Wenn man all das bedenkt, dann scheint es kaum verwunderlich, dass so geprägte Menschen Konflikte tendenziell vermeiden. Denn jeder Konflikt trägt das Potenzial, sich nicht nur für den Konflikt an sich, sondern auch noch für den Ausgang des Konfliktes verantwortlich und vielleicht sogar schuldig zu fühlen. Wenn ich anders reagiert hätte auf ihre Bitte, dann hätte sie nicht so komisch reagiert. Hätte ich doch früher gemerkt, wie sie heute drauf ist. Als wäre die gesamte Situation ausschließlich nur von einem selbst abhängig. Wenn ich eines gelernt habe, im laufe der Jahre, dann, dass jeder zwischenmenschliche Konflikt mindestens zwei Parteien braucht, die entweder anderer Meinung sind, andere Erwartungen haben oder unterschiedliche Bedürfnisse, die sich nicht oder nur schwer vereinbaren lassen. Kein Konflikt entsteht nur durch eine Partei, innere Konflikte mal ausgenommen, während die andere Partei nichts damit zu tun hat.
Ich beziehe alles auf mich, wie gehe ich damit jetzt um?
Wie schon beschrieben, besteht der erste Schritt darin, wach zu werden, wie ich mit solchen Situationen umgehe. Niemand kann seine Reaktionen von jetzt auf gleich umstellen, auch wenn das schön wäre. Im Gegenteil, solche Muster zu erkennen und zu verändern ist ohne fremde Hilfe nur äußerst schwer möglich. Allein deshalb, weil sie zunächst ja unbewusst sind, dem Bewusstsein also (noch) nicht zugänglich. Psychotherapie oder Coaching können geeignete Methoden sein, sich seiner selbst bewusst zu werden. Schritt für Schritt. In dem Tempo, wie es für den einzelnen möglich ist.
[1] m/w/d
Weitere Artikel, die dazu passen:
- emotionale Manipulation im Kindesalter
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- Wie gut kennst Du Dein inneres Kind?
- Overthinking – wie stoppe ich meine Gedanken?
- Emotionale Verstrickungen
- Cinderella – ein wahrgewordener Traum?
- Ungelöster Mutterkomplex des Vaters
- Werde Dir der Situation bewusst und frage Dich, ob Deine Schuldgefühle wirklich berechtigt sind und zu dem passen, was Du gemacht hast.
- Mach Dir klar, dass Schuldgefühle, die nicht zur Situation passen, häufig aus alten Erfahrungen der Kindheit stammen und mit starken Schamgefühlen einhergehen können (so darf ich nicht sein!)
- Da es sich um Gefühle handelt, spürt sie Dein Körper und diese körperlichen Empfindungen können teilweise äußerst unangenehm sein. Die gute Nachricht ist: Gefühle kommen und gehen. Versuche, Dich nicht zu sehr in die Gedankenspiralen hineinziehen zu lassen, die in der Regel damit verbunden sind.
- Suche Dir professionelle Unterstützung, wenn Du merkst, dass Du Unterstützung brauchst.
- Siehe dazu auch Was sind Verstrickungen?
- Wichtig ist, dass Du unterscheiden lernst zwischen echter Verantwortung (zum Beispiel für eigene Kinder) und dem Gefühl, Dich für andere verantwortlich zu fühlen.
- Nicht alles, wofür Du Dich verantwortlich fühlst, gehört in Deinen Verantwortungsbereich, prüfe die Realität. In welchem Fall bist Du wirklich verantwortlich?
- Wie schwer fällt es Dir, Verantwortung abzugeben? Was passiert, wenn Du das tust? Stellt sich sofort ein schlechtes Gewissen ein?
- Es kann sehr hilfreich sein, Dich jemandem anzuvertrauen, dem Du vertraust und der Dir eine offene Rückmeldung gibt, um Dich zu orientieren, was wirklich in Deinen Verantwortungsbereich gehört. Hole Dir ggf. professionelle Hilfe.
- Wach werden, dass Du wieder um dieselben Gedanken kreist
- Spüre die Sogwirkung der immer wiederkehrenden Gedanken
- Triff die Entscheidung, Dich nicht mehr in den Gedankenstrudel hineinziehen zu lassen
- Konzentriere Dich dabei auf Deinen Körper und Dein körperliches Erleben im Hier und Jetzt (Atmung, mit allen Sinnen die Umgebung wahrnehmen, Dich orientieren und erden, bewegen)
- Siehe dazu auch die FAQs Was versteht man unter Gedankenkreisen? und Wann wird Gedankenkreisen Problematisch?
Wer gewohnt ist, alles auf sich zu beziehen, ist häufig auch gewohnt, fremdes Leid und fremde Schuld auf sich zu nehmen. Dann passiert, fast wie bei einem Reflex: Wenn der andere leidet, dann muss das auch mit mir zu tun haben, also bin ich schuld an dessen Leid. Eine logische Schlussfolgerung aus dieser Perspektive. Alles außerhalb von mir hat mit mir zu tun gehört in eine sehr frühkindliche Entwicklungsphase und kann auch im Erwachsenenalter durch Selbsterfahrung nachreifen, mit dem Ziel, sich differenzierter von der Welt unterscheiden zu lernen.