Täter-Opfer Umkehr - was für eine verdrehte Welt!
Die Täter-Opfer-Umkehr ist ein psychologisches Phänomen, bei dem ein manipulativer Rollenwechsel stattfindet. Ein tatsächlicher Täter stellt sich als Opfer dar und schiebt dem eigentlichen Opfer die Schuld zu. Es handelt sich um einen Abwehrmechanismus, der sich in toxischen Beziehungen findet und häufig von Menschen mit narzisstischen Wunden oder einer Borderline Persönlichkeitsstruktur verwendet wird. Abgewehrt werden Gefühle von Schuld und Scham, um Gefühle der Souveränität und Macht aufrechtzuerhalten. Das Verhalten kann in Konfliktsituationen auftreten und ist eine „Spielvariante“ im Drama Dreieck.
Die Typischen Merkmale der Täter-Opfer Umkehr
Wenn die Täter-Opfer Umkehr zum Einsatz kommt, dann versucht sich ein tatsächlicher Täter emotional zu entlasten. In dem er seine Schuld und Scham an das eigentliche Opfer weitergibt, entzieht er sich der Verantwortung seiner eigenen Handlung. Damit verleugnet er das, was er getan hat und projiziert seine Schuld auf sein Opfer. So braucht er sich selbst nicht mit seinem eigenen Verhalten auseinander zu setzen und entlastet sich quasi auf Kosten des anderen. So nach dem Motto: wenn Du mich nicht so provoziert hättest, wäre ich nicht so ausgeflippt. Damit werden die Rollen umgedreht und der eigentliche Täter inszeniert sich selbst als Opfer. Nicht er [1] ist der Täter, sondern er wurde verletzt! Und der andere solle sich gefälligst was schämen, dass er sich jetzt so schlecht fühle.
Verwirrung und Destabilisierung des tatsächlichen Opfers
Nehmen wir einmal an, jemand beschwert sich zu Recht über ein grenzüberschreitendes Verhalten seines Nachbarn. Dieser reagiert aber nicht mit Einsicht oder der Bereitschaft, eine gütliche Einigung zu erzielen, sondern dreht den Spieß um und wirft nun seinerseits dem anderen ein missbräuchliches Verhalten vor. Wie verwirrend und destabilisierend muss sich das anfühlen, wenn die Situation so rigide verleugnet und ins Gegenteil verkehrt wird? Besonders Menschen, die in ihrer Kindheit emotional manipuliert wurden, neigen dazu, in solchen Konfliktsituationen schnell klein bei zu geben, sich, anstelle des eigentlichen Täters, für ihre berechtigte Beschwerde zu schämen und vielleicht sogar noch Verständnis für dessen Situation aufzubringen, obwohl diese gegen ihre eigenen Bedürfnisse steht. Sie können dann so mit den Bedürfnissen des Angreifers identifiziert sein, dass sie ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse schnell über Bord werfen.
Die Psychodynamik der Täter-Opfer Umkehr
Wie schon beschrieben ist die Täter-Opfer-Umkehr ein unbewusster Schutzmechanismus, um die eigenen Schuldgefühle, Selbstzweifel oder Ängste abzuwehren. In der Regel haben Menschen, die zu diesem Abwehrmechanismus greifen müssen, bereits als Kinder die Schuldumkehr durch ihre Eltern erlebt. Sie kennen diesen Mechanismus, der blitzschnell die Schuld auf sie abwälzt und wissen um die immensen Schamgefühle, die dadurch bei ihnen entstehen können. Die Schuld sagt: „Dein Verhalten ist nicht okay!“. Die Scham sagt: „Du bist nicht okay!“. Scham fühlt sich also an, als wäre man so, wie man ist, völlig falsch und damit untragbar für die Familie oder die Gemeinschaft. Als müsste man wegen seiner Art zu Sein sich am besten auflösen oder im Erdboden verschwinden. Dieses Gefühl wird als äußerst fundamental erlebt und erschüttert die Person in den Grundfesten ihres Seins. Scham und Schuld scheinen in der Psychodynamik der Täter-Opfer Umkehr Hand in Hand zu gehen. So nach dem Motto wer Schuld hat soll sich was schämen. Im Zuge der Schuldumkehr werden also auch die Schamgefühle des eigentlichen Täters an sein Gegenüber weitergegeben. Für den, der sich dieses Mechanismus bedient, eigentlich eine feine Sache, denn er erspart sich beide Gefühle, die ansonsten äußerst schwierig auszuhalten wären (Containing).
Täter-Opfer Umkehr als Spielvariante des Drama Dreiecks
Im Drama-Dreieck haben die „Mitspieler“ zwar meist bevorzugte Rollen, doch diese destruktive Dynamik lebt eigentlich vom dynamischen Rollenwechsel. Durch die Täter-Opfer Umkehr wird ein Wechsel der Positionen eingeleitet: der tatsächliche Täter bringt sich dadurch in die Position eines Opfers, kann seinem Gegenüber Vorhaltungen machen, entzieht sich so seiner Verantwortung und kann versuchen Mitgefühl für sich selbst zu erzwingen.
Bestimmte Bindungsdynamiken erschweren das Erkennen der Täter-Opfer Umkehr
Wie schon beschrieben sind Menschen, die bereits als Kinder emotionalen Missbrauch erfahren haben, häufig nur allzu bereit, die Schuld auf sich zu nehmen, um die Bindung an ihre Eltern nicht zu gefährden. Gerade wenn sie als Kinder immer wieder verwirrt und manipuliert wurden, fällt es ihnen schwer, ein echtes Täterverhalten zu erkennen und sich davon abzugrenzen. Auch weil Konflikte für sie häufig etwas äußerst Bedrohliches haben. Sie können so darauf fokussiert sein, die Bedürfnisse der anderen, also auch potenzieller Täter, zu erfüllen, dass sie (zunächst) gar nicht merken, wie sie in späteren Beziehungen ausgenutzt und manipuliert werden, oder wie ihnen fremde Schuld- und Schamgefühle „injiziert“ werden. Solche Kinder haben häufig sehr feine Antennen, was andere brauchen, können aber in dem Moment den Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen und Empfindungen nicht herstellen oder nicht dauerhaft aufrechterhalten.
Wer bis hierher weitergelesen hat, der tut vermutlich gut daran, sich Unterstützung zu suchen. Vor allem, wenn er oder sie sich in einer missbräuchlichen Beziehung befindet. Durch die Täter-Opfer Umkehr, wird die Realität verdreht. Wer dieses Muster kennt, dem wird es schwerfallen es überhaupt zu erkennen.
[1] Immer m/w/d
Siehe dazu auch folgende Artikel:
- Was ist eine toxische Beziehung und woran erkenne ich sie?
- Komplementär-Narzissten
- Das Drama Dreieck, die Dynamik von Verfolger, Opfer und Retter
- Emotionale Manipulation im Kindesalter
- What the f* is Scham?
- Methoden und Mechanismen in dysfunktionalen Familien
- Projektion und projektive Identifizierung
- Identifikation, wer bin ich wirklich?
- Dissoziation – ein Zustand des inneren Weggetreten Seins
- Hilfe, ich beziehe alles auf mich!
- Wie gut kennst Du Dein inneres Kind?
- Erzwungene Harmonie
- Emotionale Verstrickungen – gefangen im verborgenen Netz
- Bei einer Täter-Opfer Umkehr geht es vor allem darum, eigenes, schuldhaftes Verhalten abzuwehren. Es wird an das eigentliche Opfer weitergegeben, das dann vor Dritten (Zeugen) als vermeintlicher Täter dargestellt wird.
- Es ist also eine (meist) unbewusste Methode, sich der eigenen Schuld- und Schamgefühle zu entledigen. Erlebt jemand Täter-Opfer Umkehr häufiger, kann sich die Person unverstanden, irritiert oder verunsichert, fühlen. Vielleicht fängt sie auch an, an sich selbst zu zweifeln, sich zu schämen oder sich unglaubwürdig zu fühlen.
- Gaslighting hingegen zielt darauf ab, die Wahrnehmung des Opfers zu verwirren und stellt, wenn sie bewusst eingesetzt wird, eine äußerst perfide Art der Manipulation dar.
- Das kann massive Folgen für denjenigen (immer m/w/d) haben, der Gaslighting über einen längeren Zeitraum ausgesetzt ist. Er kann das Gefühl bekommen, seiner eigenen Wahrnehmung, also sich selbst, nicht mehr trauen zu können. Das kann bis zum Verlust des Realitätsbezuges führen. Psychische Erkrankungen können die Folge sein.
- Siehe dazu auch Woran erkenne ich Gaslighting?
- In der Kindheit hat wohl jeder schon einmal die Schuld einem anderen zugeschoben, um sich selber zu entlasten. Es ist eine unreife Strategie zur Abwehr der eigenen Schuldgefühle.
- Idealerweise kann im Laufe des Älterwerdens dann ein anderer Umgang mit den eigenen Bedürfnissen und Konflikten erlernt werden, so dass reifere Methoden, sich mit anderen auseinanderzusetzen, zur Verfügung stehen.
- Menschen die narzisstische Wunden tragen oder eine Borderline Organisationsstruktur aufweisen, nutzen diese Manipulationstechnik, um die Kontrolle und damit die Oberhand zu behalten.
- Auch Personen, die andere mobben, stellen sich selber gerne als Opfer dar.
- Oder Personen, die sehr manipulativ sind, dazu neigen, Tatsachen zu verdrehen, oder ihre Fehler zu verschleiern.
- Es wird also deutlich, dass Menschen, die diese Technik meist unbewusst nutzen, noch nicht dazu bereit sind, die volle Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Sie sind meist auch wenig kritikfähig und können sich kaum in die Lage der anderen versetzen.
Sie erklärt das Verdrehte, Verkehrte, zum Richtigen, Normalen. Kinder, die mit dieser Methode aufwachsen, beziehen sich auf einen verdrehten Bezugsrahmen. Da sie sowieso dazu neigen, die Schuld bei sich zu suchen, werden sie die zugeschriebene Schuld auf sich nehmen, ohne sie hinterfragen zu können. Das erschüttert ihre Persönlichkeit fundamental. Denn ihnen ist eigentlich Unrecht widerfahren.