Dissoziation - ein Zustand des inneren Weggetreten Seins

Fast jeder hat schon leichte Formen einer Dissoziation erlebt. Ein innerliches Wegdriften[1] für eine kurze Zeitspanne, ohne zu bemerken, wie man die letzten Minuten verbracht hat. Etwa beim Autofahren, wenn man plötzlich „aufwacht“ und sich wundert, wie man gerade an der Ausfahrt vorbeifahren konnte, die man eigentlich nehmen wollte. Das kann bei routinemäßigen Handlungen passieren, oder wenn man sich besonders auf eine Sache konzentriert und die Zeit oder die Welt um sich herum vergisst. In der Psychologie versteht man unter Dissoziation einen vorübergehenden psychischen Prozess[2], der eine Trennung von verschiedenen Aspekten des Bewusstseins, der Wahrnehmung, der Identität oder der Motorik bewirkt. Das kann bis hin zum Auseinanderfallen[3] von normalerweise zusammenhängenden psychischen Funktionen, einer dissoziativen Störung, führen. Diese komplexe Form wird meist durch extreme, psychische Belastungen ausgelöst und kann sich in unterschiedlichen Symptomen zeigen, wie zum Beispiel durch Entfremdungsgefühlen gegenüber dem eigenen Körper oder der Umwelt, oder auch in einer (teilweisen) Amnesie. Aber um dieses voll ausgeprägte Störungsbild, das gut von anderen Störungsbildern abgegrenzt werden muss, soll es in diesem Artikel nicht gehen. Sondern vielmehr um dissoziative Zustände, die irgendwo im Graubereich angesiedelt sind zwischen der leichten Form und dem ausgeprägten Bild einer dissoziativen Störung.

Dissoziation wirkt als Schutzmechanismus in sehr belastenden Situationen

Dissoziation wird als Schutzmechanismus angesehen, der meist automatisch einsetzt, wenn jemand einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt ist. Es ist sozusagen ein innerliches „Weggehen“ aus einer unaushaltbaren Situation, in extremer Form einer Misshandlung, eines Missbrauches oder eines schweren Unfalls. Menschen können sich dann außerhalb ihres Körpers erleben (Depersonalisation) oder das Gefühl bekommen, die Welt um sie herum wirke surreal, irgendwie fremd (Derealisation). So kann sich das Bewusstsein von äußerst belastenden oder schmerzhaften Emotionen trennen, was teilweise oder vollständige Erinnerungslücken (Amnesien) zur Folge haben kann.  Manche Menschen haben das Gefühl, als würden sie neben sich stehen und das Geschehen (und dabei sich selbst) von außen betrachten. Das ist ein Sinnbild für die Distanz, die der Organismus in dem Moment, meist automatisch, herstellt. Aber auch ein Rückzug in den eigenen, inneren Kern ist möglich. So als wäre man in sich selbst auf einen kleinen Punkt konzentriert und die Welt um einen herum wäre meilenweit weg. In so einem Zustand kann es sein, dass Geräusche nur ganz gedämpft zu einem durchdringen, als wäre um einen herum Wasser oder man wäre wie in Watte gepackt. Auch das Denken kann sich verlangsamt anfühlen, als könnte man die Worte, die an einen gerichtet werden, nicht mehr richtig fassen und könnte auf die einfachsten Fragen keine Antworten mehr finden.

Dissoziation im Kindesalter

Wer in seiner Kindheit häufig so Belastendes erleben oder miterleben musste, dass er[4] immer wieder dissoziiert, wird dieses Verhalten auch ein stückweit für sein späteres Leben als Strategie erlernen. Dann kann dissoziieren sozusagen zur eigenen Antwort auf emotional schwierige Situationen werden, um genügend innere Distanz herzustellen, damit das Geschehen irgendwie bewältigt werden kann. Dissoziation könnte theoretisch durch alles hervorgerufen werden, was ein Kind massiv unter Druck setzt, ihm emotionalen oder physischen Schmerz zufügt oder in ihm massive Scham- oder Schuldgefühle erzeugt. Es kann sich dabei sowohl um selbst erlebte Ereignisse handeln, aber genauso auch um ein Miterleben, wenn zum Beispiel Familienmitglieder misshandelt oder unter Druck gesetzt werden. Dissoziative Zustände sind also die Folge von überfordernden Gefühlen wie enormem Stress, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Scham- oder Schuldgefühlen. Dabei geht es nicht nur um einmalige, dramatische Erlebnisse. Auch immer wiederkehrende Beschämungen, Liebesentzug oder sonstige emotionale Manipulationen können ein Kind dissoziieren lassen. Vor allem dann, wenn es so eine Behandlung über mehrere Jahre hinweg erlebt. Denn: steter Tropfen höhlt den Stein.

Was bedeutet Dissoziation im Alltag?

Wer als Kind häufiger mit dissoziativen Zuständen in Berührung gekommen ist, oder diese Art der Abwehr vielleicht bei einem Elternteil erleben konnte, für den steht diese Form der inneren Distanzierung auch im Erwachsenenalter noch zur Verfügung. Er wird vermutlich in konflikthaften Situationen eher dissoziieren, als sich einer Konfrontation zu stellen, die mit enormem emotionalem Stress verbunden wäre. So wird die innere Welt zwar zu einem heimlichen Zufluchtsort, in die kein Eindringling von außen mehr gelangen kann, doch letztlich kostet dieses Verhalten auch seinen Preis. Gerade in Partnerschaften kann es zu enormen Problemen führen, wenn für einen der Partner dieser Mechanismus die einzige Möglichkeit bleibt, mit überfordernden Situationen umzugehen und sozusagen den Stecker zum Hier und Jetzt zu ziehen. Ein Mensch, der sich in so einem Zustand befindet, wirkt von außen meist nicht mehr zugänglich. Gespräche auf kognitiver Ebene sind in dem Moment im Grunde nicht mehr möglich. Doch gerade wer als Kind gelernt hat, sich in seine Innenwelt zurückzuziehen, dem merken Außenstehende das innere Weggehen zunächst vielleicht gar nicht an, was zu Missverständnissen und Enttäuschungen führen kann. Denn das, um was es inhaltlich geht, kann in dem Moment weder aufgenommen, geschweige denn auf einer reiferen Ebene verarbeitet werden. Da Dissoziationen auch Amnesien, also Gedächtnislücken, hervorrufen können, würde sich derjenige dann in diesem Fall später gar nicht mehr an die eigenen Aussagen erinnern, die er möglicherweise gemacht hat.

Dissoziation und Angst

Dissoziation und Angst gehen quasi Hand in Hand. Menschen, die zur Dissoziation neigen, versuchen damit unbewusst, ihre Ängste irgendwie in Schach zu halten, wie eine Art Vermeidungsstrategie. So, als bräuchten sie sich dadurch den angstauslösenden Inhalten, um die es gerade geht, nicht zu stellen. Das könnte zum Beispiel dann passieren, wenn die aktuelle Situation an frühere Erfahrungen von Liebesentzug erinnert, oder alte Ängste schürt wie zum Beispiel zu versagen, etwas falsch zu machen, bestraft, beschämt, verlassen oder ausgeschlossen zu werden. Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber. Denn eine konflikthafte oder sonst irgendwie schwierige Situation geht natürlich nicht einfach weg, nur weil man sich innerlich davor zurückzieht. Im erwachsenen Alter ist meist sogar das Gegenteil der Fall: der Konflikt wird nur schwieriger, vor allem dann, wenn man sich an die eigenen Aussagen später vielleicht gar nicht mehr erinnert. So könnten Zugeständnisse gemacht werden, obwohl man dem Kompromiss eigentlich gar nicht zustimmen würde, wenn man alles in Ruhe bedenken könnte. Doch genau das ist in diesem Zustand meist gar nicht mehr möglich. Oder man erinnert sich überhaupt nicht an die Situation und traut sich vielleicht im Nachhinein aus Scham nicht, daran etwas zu korrigieren. Das endet häufig in Frustration für alle Beteiligten, vor allem dann, wenn sich das Gegenüber in dem Moment auf die Aussagen verlässt.

Dissoziation und Scham

Scham ist wohl eins der unangenehmsten Gefühle, welches wir Menschen erleben können, denn sie rüttelt tief an unserer eigenen Identität und am Selbstwert. Es geht um das Bild, das die anderen von uns haben, wie wir also in ihren Augen dastehen. Scham ist eine innere Reaktion auf eine tatsächliche oder vorgestellte, gnadenlose Verurteilung von außen: so, wie Du bist, darfst Du nicht sein! Im Grunde ein Gefühl, dass nicht nur das Verhalten als richtig oder falsch bewertet, sondern den Menschen in seiner ganzen Existenz bedroht. Entsprechend massiv werden Schamgefühle erlebt: als wäre man selbst komplett fehlerhaft, müsste für sein Betragen im Erdboden versinken und könnte dafür aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Diese überwältigenden Schamgefühle haben in der Regel tiefreichende Wurzeln in die eigene Kindheit, auf denen sie fußen. Es gibt verschiedene Abwehrmöglichkeiten für das primäre Gefühl der Scham. Sie könnte zum Beispiel durch Wutz ersetz werden, ein sekundäres Gefühl, mit dem besser umgegangen werden kann. Oder man trennt sich von ihr durch dissoziieren, wenn sie einen zu überrollen droht. In den meisten Fällen ist Dissoziation also eine Reaktion auf tiefe Schamgefühle. Aber auch der umgekehrte Fall ist denkbar: jemand driftet im Gespräch innerlich weg, wird aufgefordert, etwas dazu zu sagen und fängt an zu stottern, weil er nicht weiß, um was es geht. Und damit meine ich nicht, einmalig in Gedanken verloren zu sein, sondern eher eine immer wiederkehrende, und damit der Person bekannte, innere Abwesenheit. Sie könnte sich deswegen bloßgestellt und vorgeführt fühlen, vor allem, wenn sie diese Zustände bereits gut kennt. Dann wäre die Scham eine Reaktion auf das Öffentlich machen des inneren Zustandes.

Wie können sich dissoziative Zustände äußern?

Mir fällt auf, dass Menschen, in dissoziativen Zuständen, meist nicht mehr so genau hinschauen können. Vor allem dann, wenn die Realität für sie bedrohlich, schmerzhaft oder überfordernd erscheint. So als würde der Blick zwar „etwas“ sehen, aber der Geist könnte nicht mehr erfassen, um was es da wirklich genau geht. So als würde man immer und immer wieder den Prüfungstext lesen und könnte ihn doch nicht verinnerlichen, zum Beispiel, wenn man mit Prüfungsangst zu kämpfen hat. In dem Moment vernebelt einem dann die Angst, in der Prüfung zu versagen, so die Sinne, dass das, was von einem gefordert wird, überhaupt nicht mehr aufgenommen, geschweige denn verarbeitet werden kann. Wenn also Nebel im Kopf entsteht, ein Gefühl, nicht mehr klar denken zu können, wie in Watte gepackt zu sein, nicht mehr mitzukriegen, was der andere gerade von einem will, dann könnte das ein Hinweis auf einen dissoziativen Zustand sein, in den man gerade rutscht. Sozusagen als unreife Schutzreaktion: wenn ich nicht genau weiß, was der andere von mir erwartet, dann brauche ich mich auch dem Druck nicht auszusetzen, etwas falsch zu machen. Als würde die so erreichte Distanz zu Erwartungen und Anforderungen von außen eine gewisse Entlastung der eigenen Anspannung bringen. Und natürlich können solche Zustände auch einsetzen, wenn man die an sich selbst gestellten Erwartungen (wieder mal) nicht erfüllt. Dann läuft der Prozess innerlich ab.

In den Kopf gehen als leichte Form der Dissoziation

Als eine leichte Form von Dissoziation kann auch ein unmittelbares, meist unbewusstes, in den Kopf gehen verstanden werden, um die unangenehmen Gefühle in dem Moment nicht fühlen zu müssen. Wer dieses Verhalten, meist unbewusst, zu seiner Strategie macht, wird sich zwar aus unangenehmen Situationen heraus zu lavieren können, verliert aber so auch den Kontakt zu den dadurch unterdrückten Emotionen, die ihm eigentlich Hinweise auf seinen aktuellen Gefühlszustand geben könnten. Wer also lieber schnell die Themen wechselt, sich gern in ausschweifenden Erklärungen oder langwierigen Rechtfertigungen verliert, könnte sich fragen, an welchen Stellen im Gespräch er denn eigentlich abbiegt. Dadurch werden meist emotional aufgeladene Themen eher vermieden oder rationalisiert, was zwar erst einmal eine Erleichterung bringt, auf lange Sicht aber das Gefühlsleben erheblich einschränkt.

Wege aus der Dissoziation

Wer den Verdacht hat, innerlich tendenziell eher weg zu driften, als sich unbequemen, vielleicht sogar bedrohlichen, Themen zu stellen, braucht zunächst ein Bewusstsein dafür, auf welche Situationen er mit dieser Strategie reagiert. Häufig spielen die eigenen Phantasien eine große Rolle, die die Situation vielleicht deutlich schlimmer darstellen, als es die Realität, nüchtern betrachtet, hergibt. Darum: prüfe die Realität. Was ist gerade wirklich los? Will mir mein Gegenüber tatsächlich etwas Böses? Erinnert mich die Reaktion an etwas Altes, was mir früher vielleicht Angst gemacht hat? Es geht also darum, sehr genau hinschauen zu lernen, um zu erkennen, ob die Situation wirklich gerade so bedrohlich ist, wie sie sich möglicherweise anfühlt. Doch da es sich um eine mehr oder weniger automatisch ablaufende Reaktion des Körpers auf vermeintliche Gefahrensituationen oder schreckliche Erlebnisse handelt, ist es wichtig, das körperliche Erleben in den Entwicklungsprozess mit einzubeziehen. Ein ausschließlich verstandesmäßiges Erfassen der Situation reicht in der Regel nicht aus, um den Kreislauf der Dissoziation zu durchbrechen. Je realistischer der Betroffene die aktuelle Situation analysieren kann, desto eher wird es für ihn möglich sein, im Hier und Jetzt anwesend zu bleiben und den Kontakt zur Realität aufrecht zu erhalten. Das erfordert ein vorsichtiges Bewusstmachen der aktuellen Verhaltensweisen sowie ein Schritt für Schritt lernen, sich selbst in schwierigen Situationen nicht mehr zu verlassen. Denn das ist es, was Dissoziation im Kern eigentlich auslöst: ein Sich-Selbst-Verlassen in einer schwierigen Situation.

  • Überforderung macht nicht nur müde, sie veranlasst uns auch, nicht genau hinzuschauen! Das macht alles nur noch schlimmer!
  • Wenn Du überfordert bist, hast Du nicht nur die Kontrolle verloren, sondern auch den Kontakt zu Dir selbst und zu Deiner Umwelt. Damit bist Du nicht mehr rational handlungsfähig.
  • In einem Zustand der Überforderung können auch Verspannungen oder Schmerzen auftreten, hier seien die klassischen Nacken-Rücken- oder Kieferschmerzen erwähnt sowie Kopfweh oder Magenprobleme.
  • Auch kognitive Symptome können auf Überforderung hindeuten, zum Beispiel Schwierigkeiten Dich zu konzentrieren, Vergesslichkeit oder Schwierigkeiten, Dich zu entscheiden.
  • Emotional kannst Du auch Wut spüren, oder Dich gereizt oder hilflos fühlen, vielleicht vermeidest Du auch Kontakt oder Aufgaben oder kommst in Scham- oder Schuldgefühle.
  • Das kann sich im Verhalten darin zeigen, dass Du Aufgaben aufschiebst oder vermeidest, Dich ablenkst oder versuchst, unter allen Umständen die Kontrolle zu behalten.
  • Auch ein automatisches Funktionieren könnte auf eine Überforderung hinweisen, vor allem, wenn diese Strategie schon in sehr jungen Jahren gelernt werden musste.
  • Dissoziation ist ein Gefühl von abgetrennt sein vom eigenen Körper. Wohingegen Spaltung einem bewusst nicht mehr zugänglich ist.
  • Spaltung ist sowohl ein Abwehrmechanismus als auch ein Zustand, wenn Anteile wirklich abgetrennt vom eigenen Gewahrsein bleiben.
  • Beides hat irgendwie miteinander zu tun, muss aber nicht zwangsläufig gekoppelt sein, die Unterscheidung kann manchmal schwierig sein.
  • Letztendlich sind beides Mechanismen, die eine Trennung hervorrufen von Inhalten, die nicht zusammengebracht werden dürfen oder können.
  • Beides kann zu Schwierigkeiten in Beziehungen führen und bedarf kompetenter Begleitung, um sie zu bearbeiten.
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  • Es gibt auf jeden Fall einen Zusammenhang von Menschen, die als Kinder kriegsbedingte Traumata erlebt haben und psychischen Symptomen, die vor allem im Alter deutlicher hervortreten. Hier sei als Beispiel die Posttraumatische Belastungsstörung erwähnt.
  • Da Dissoziation ein Schutzmechanismus ist, den der Körper mehr oder weniger automatisch ausführt, wenn sich die Psyche oder der Körper subjektiv und / oder objektiv in Gefahr befinden, erscheint es mir sehr wahrscheinlich, dass Menschen, die als Kinder traumatisiert wurden, dissoziative Zustände kennen.
  • Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus habe ich den Eindruck, dass dissoziative Zustände bei Menschen mit sehr frühen Traumaerlebnissen zu beobachten sind. Wer sich also selber in solchen Zuständen wiederfindet, für den mag es sich lohnen, auch einen Blick auf die vorherigen Generationen zu richten.
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