Wenn Themen im Traum wiederkehren
Träume sind ein Fenster in die eigene Seele. Doch was, wenn in meinen Träumen immer wieder Motive und Themen eine Rolle spielen, die sich weder in meine eigene Biographie einordnen lassen, noch einen Bezug zu meiner aktuellen Lebenssituation haben? Dann lohnt es sich, die Geschichte der eigenen Eltern und Großeltern anzuschauen, wenn diese Flucht- oder Kriegserfahrungen gemacht haben.
Themen, die auf Flucht und Heimatverlust hinweisen
Tauchen folgende Inhalte immer wieder in den eigenen Träumen auf, ohne dass sie einen Bezug zur aktuellen Lebenssituation haben, können sie auf geerbte, traumatische Erfahrungen hindeuten, die unverdaut an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wurden und sich wie „Geisterschiffe“ immer wieder in den eigenen Träumen zeigen. Situationen wie losmüssen, einen Ort verlassen müssen, unter Zeitdruck packen müssen, schnell wegmüssen, können unverdaute Fluchterfahrungen der Eltern oder Großeltern sein, die unverarbeitet geblieben sind und sich einen Weg in die eigene Traumwelt gebahnt haben, um integriert werden zu können. Gerade der Heimatverlust ist ein Thema, das schwer zu bewältigen ist, im Angesicht all der Gräueltaten, die ein Krieg mit sich bringt. Es erscheint banal, „nur“ seine Heimat, sein zu Zuhause verloren zu haben, wenn andere Menschen verletzt werden, ihr Leben verlieren. Und doch ist es eine traumatische Erfahrung, die sich in den Träumen der Kinder und Enkel zeigen können, um endlich verstanden und anerkannt zu werden. Traum-Inhalte wie nach Hause wollen, nach Hause müssen, alles rund um die Themen zu Hause, Wohnen, Möbel, etwas verlieren und suchen, verloren gehen oder Bilder von Lost Places können dies ausdrücken. Der Träumende übersetzt die unbewussten traumatischen Erfahrungen in seine eigenen Bilder und Szenarien, die nicht mit realen Eindrücken der Menschen, die tatsächlich Flucht und Heimatverlust erleben, übereinstimmen. Werden diese Traumbotschaften nicht entschlüsselt und den ursprünglichen Ereignissen zugeordnet, können die traumatischen Inhalte nicht integriert werden. Die Träume der nachfolgenden Generationen sind eine Chance, sich mit diesen schwierigen Inhalten auseinander zu setzen und sie letztendlich zu integrieren und damit zu befrieden.
Traum-Atmosphären
Um sich mit Trauminhalten auseinander zu setzen, spielt die Atmosphäre, die im Traum vorherrscht, eine wichtige Rolle. Tauchen zum Beispiel immer wieder Gefühle auf, sich schützen oder verteidigen zu müssen, verfolgt, bedroht oder angegriffen zu werden, kann es sinnvoll sein sich anzuschauen, ob Kriegserfahrungen in der Familie vorliegen. Solche Träume spielen häufig in der Nacht, es ist dunkel, undurchsichtig, düster, die Situation ist unklar, vernebelt, es ist nur klar, dass man wegmuss, aber nicht warum. Auch der Zeitdruck spielt eine entscheidende Rolle: alles muss schnell gehen, man muss sich beeilen, fühlt sich gehetzt, steht unter Druck, ist gestresst. Auch Déjà-vus spielen eine Rolle: das Gefühl, schon einmal da gewesen zu sein, das bereits erlebt zu haben, sich an Sätze, Gesten, Szenen, Menschen, Situationen erinnern zu können. Déjà-vus weisen auf den traumatischen Charakter der Traum-Inhalte hin, der durch ein immer wieder wiederholen müssen gekennzeichnet ist.
Emotionen
Die Emotionen sind ein wesentlicher Anhaltspunkt, ob es sich um geerbtes traumatisches Material handelt. Gerade wenn Krieg, Flucht und Vertreibung im Kindesalter erlebt werden mussten, sind die zugehörigen Emotionen zu den Erfahrungen abgespalten worden, weil sie zu überwältigend gewesen wären. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass die furchtbarsten Kriegserlebnisse so erzählt werden, als würde man vom Sonntagsausflug berichten: neutral, gelassen, ja fast unbeteiligt, als würde man die Geschichte eines anderen erzählen. Das wiederrum zeigt sich in den Träumen der nachfolgenden Generationen: entweder werden Horror-Szenarien geträumt, völlig emotionslos, als wäre das das normalste von der Welt. Oder der Träumende erwacht wie „erschossen“, völlig „gerädert“ ohne sich an die Trauminhalte überhaupt erinnern zu können. Das deutet auf die Abspaltung hin, die entweder Inhalte übermittelt (ohne Emotionen) oder Emotionen und Körperreaktionen ohne Inhalte.
Auflösung der Traumata
Wie lassen sich die unverdauten Inhalte integrieren? Erfahrungsgemäß ist es der Generation, die gravierende Trauma selber trägt, nur in seltenen Fällen möglich, sich der Aufarbeitung selber zu stellen. So bleibt es häufig bei der Generation ihrer Kinder oder Enkel, wach zu werden für das Trauma und sich mit den Themen zu beschäftigen. Wenn die Geschichte, das Narrativ, von der Flucht oder vom Krieg, das keinerlei Emotionen mehr trägt, mit den geträumten Emotionen der nachfolgenden Generation(en) zusammengebracht werden kann, dann können die Erfahrungen in Ihrer Gänze wieder zusammengeführt werden. Und damit werden sie integrierbar und können als Erinnerungen im eigenen System abgelegt werden.
Siehe dazu auch folgende Artikel:
Wenn Flucht und Heimatverlust in den vorangegangenen Generationen unbearbeitet geblieben sind, können sich Fragmente der Erfahrungen in den Träumen der Kinder und Enkelkinder wiederfinden. Man spricht von transgenerationaler Traumaweitergabe. Im Traum könnte sich das durch ein immer wiederkehrendes verlassen müssen von Orten ausdrücken, durch eine bedrohliche Atmosphäre oder Bilder von Lost Places, obwohl der Träumende selbst nie solche Erfahrungen gemacht hat.
Wer immer wieder von Horror-Szenarien träumt, als wären es liebliche Bilder oder zumindest ganz normale Szenen, fragt sich zurecht, weshalb er (immer m/w/d) nicht schweißgebadet davon aufwacht. Dann lohnt sich ein Blick in die eigene Familiengeschichte. Wie wird zu Hause über schreckliche Erfahrungen gesprochen? Fehlen auch hier die Emotionen, obwohl sie eigentlich angebracht wären? Es könnte ein Zusammenhang bestehen zwischen unverdauten Erfahrungen der vorangegangenen Generationen und den Inhalten, die der Träumende unbewusst in der Nacht zu verarbeiten versucht.
Sprache ist ein Ausdruck des Denkens und damit ein Zugang in die Innenwelt. Tauchen in der Therapie oder in Träumen plötzlich antiquierte Begriffe auf, die so gar nicht zum Sprachgebrauch und Zeitgefühl der eigenen Generation gehören wollen, heißt es Innehalten und umschauen. Um was geht es gerade? Gibt es das Thema auch bei Eltern oder Großeltern? So können Themen vor dem Hintergrund der eigenen Familiengeschichte klarer einsortiert und verstanden werden.