Identifikation - wer bin ich wirklich?

In der Psychoanalyse bezeichnet Identifikation einen Prozess, bei dem sich ein Mensch emotional an einem anderen orientiert und sich in dessen Lage versetzt, um so wie diese Bezugsperson zu denken oder zu Handeln bzw. sich dies vorzustellen (Stangl, 2025) [1]. Das heißt ein Mensch, der sich mit dem Denken und Handeln einer anderen Person[2] identifiziert, übernimmt deren Werte, Eigenschaften, Einstellungen, Verhaltensweisen und vielleicht sogar deren Gefühle, weil er sich emotional mit ihr verbunden fühlt. Das führt zum Aufbau der eigenen Identität, in die etwas Fremdes zeitweise oder dauerhaft eingewoben wird.  Das ist erst einmal ein normaler Anpassungsprozess, bei dem es um Zugehörigkeit und Bindung geht, existenzielle Grundbedürfnisse von uns Menschen.

Identifikation in der Kindheit und Pubertät

Kinder beobachten ihre Bezugspersonen, also Eltern, Geschwister oder andere nahestehenden Erwachsenen, und übernehmen unbewusst deren Verhaltensweisen, Werte, Normen und Emotionen, um sich sicher, verbunden und zugehörig fühlen zu können. So wollen sie zum Beispiel werden wie Mama oder Papa. Kommt es bei diesen Identifikations- und Ablösevorgängen zu Störungen,  kann ein sogenannter Ödipus[3]– bzw. Elektra[4]-Komplex entstehen. Letztendlich ist es ein hochkomplexer Prozess, der stabilisierend und bestätigend wirkt, wenn er glückt. In der Pubertät lässt sich ein Heranwachsender schon etwas bewusster von Idolen oder einer Peer Group leiten. Das erweitert sein Spektrum und er kann andere Identitäten ausprobieren, die außerhalb der Familie liegen. Die Zugehörigkeit zu Gruppen gewinnt an Bedeutung und es geht vor allem darum, sich als Teil davon fühlen zu können. Idealerweise findet ein Pubertierender durch diesen Prozess heraus, wer und was zu ihm passt und schärft im Laufe der Zeit so sein Gefühl dafür, wer er ist.

Überidentifizierung

Sich eindeutig zu identifizieren gibt Klarheit, Orientierung und auch eine gewisse Entlastung: wenn ich mich so verhalte, bin ich akzeptiert. Konflikthaft wird es dann, wenn Kinder sich identifizieren müssen, um ein Teil ihrer Familie zu bleiben, zum Beispiel, weil ihnen sonst Liebesentzug droht: Du sollst sein, wie wir Dich haben wollen und machen, was wir von Dir erwarten. Problematisch wird es auch, wenn Kinder sehr widersprüchliche Vorbilder erleben, die sagen, aber hott meinen, oder gleichzeitig völlig entgegengesetzte Werte und Normen vertreten. Dann entstehen Verwirrung und ein innerer Konflikt: was ist denn jetzt richtig und was falsch? Letztlich wird sich das Kind entscheiden müssen, um sich wieder sicher und orientiert zu fühlen. Das kann zur Identifikation mit den nur guten Teilen führen und zur Abspaltung der Gegensätzlichen. Das hat weitreichende Folgen, wie man sich gut vorstellen kann. Wer sich als Kind überidentifizieren musste, passt sich unbewusst, fast symbiotisch, so sehr an die Familie an, dass er die eigenen Eigenschaften und Wünsche dabei völlig vernachlässigt, vielleicht sogar aufgibt. Später würde er möglicherweise fast alles tun, um von der Partnerin geliebt zu werden, oder zu einer Institution oder einem Team dazuzugehören. Die eigenen Bedürfnisse und Wünsche treten dann so in den Hintergrund, dass sie meist selber gar nicht mehr wahrgenommen werden. Wer das erfahren hat, für den ist es schwer, zwischen Dir und mir zu unterscheiden, da die Grenzen immer wieder zu verschwimmen drohen. Das führt einerseits zwar zu einer gewissen Harmonie: wir denken und fühlen alle gleich, andererseits aber auch zur stückweisen Aufgabe der eigenen Identität, die sagen würde: hier bin ich anders!

Identifikation als Abwehr

Identifikation als Abwehrmechanismus bedeutet, sich selbst über diesen Mechanismus zu stabilisieren oder zu beruhigen, um sich sicher fühlen und in Verbindung bleiben zu können. Zum Beispiel um Angst, Scham- oder Schuldgefühle abzuwehren. Bei der Identifikation mit dem Angreifer[5] übernimmt jemand Eigenschaften von einer Person in einer für ihn sehr bedrohlichen Situation. Das kann soweit führen, dass man mit dem „Angreifer“ Sympathie empfindet und Verständnis für seine Verhaltensweisen entwickelt. Das alles dient zum eigenen Schutz, um sich nicht mehr so ausgeliefert fühlen zu müssen.

Projektive Identifizierung

Wer als Kind in einem sehr projektiven Milieu aufwächst, spürt instinktiv die Erwartungen, Vorstellungen und Wünsche der Eltern oder nahen Bezugspersonen und lernt, sich damit zu identifizieren. Dieser Mensch wird sich verhalten, wie es von ihm erwartet wird, um sich geliebt oder anerkannt zu fühlen, dazuzugehören oder Angst und Schuldgefühle abzuwehren. Ohne zu merken, wie wenig das möglicherweise mit seinem eigenen Charakter zu tun hat. Wer sehr früh solche Erfahrungen macht, wird zum einen sehr feine Antennen ausbilden, für die Wünsche und Vorstellungen anderer. Zum anderen besteht die Gefahr, wie schon beschrieben, die eigenen Bedürfnisse in Beziehungen hintenanzustellen. Häufig auch, um das Gegenüber nicht zu enttäuschen.

Identifikation im Zusammenhang mit Geschlechtsidentität

Das erscheint mir ein äußerst komplexes Thema, das aus meiner Sicht noch weitreichende Folgen haben könnte. Wer sich als Erwachsener mit einem anderen Geschlecht identifiziert, oder sich außerhalb der biologischen Kategorien einordnet, kann das für sich entscheiden. Mir ist wichtig zu betonen, dass wir besonders für kleine Kinder und Jugendliche auch als Gesellschaft eine Verantwortung tragen und es hier sicherlich noch mehr Austausch braucht, wie mit diesem Thema in Kindergärten und Schulen umgegangen werden soll. Ich hoffe, dass die (früh-) kindliche Entwicklung dabei ausreichend Beachtung findet, die ja bereits jahrzehntelang erforscht ist.

Wenn das Selbstbild erschüttert wird

Identität hat mit dem Bild zu tun, das jemand von sich selbst hat, also mit den Eigenschaften, mit denen er sich im Laufe seines Lebens identifiziert. So nach dem Motto: so bin ich und so bin ich nicht. Erschütterungen können auftreten, wenn man erkennen muss, dass das, was man über sich dachte, teilweise, oder gar, nicht zutrifft. Auch traumatische Erfahrungen können die eigene Identität ins Wanken bringen, genauso wie Lebensumbrüche, bei denen ein Rollenwechsel erforderlich ist. Das können zum Beispiel der Übergang von der Schule ins Studium oder Berufsleben sein, aber auch Todesfälle, die eigene Hochzeit oder Elternschaft. Hierbei ist eine gewisse Flexibilität gefordert, um sich langsam in die neue Rolle einfügen und Altes loslassen zu können. Übergänge haben also auch etwas mit Abschied und mit Abtrauern zu tun: eine Lebensphase geht zu Ende, eine andere beginnt. Je bewusster solche Schritte gestaltet werden können, desto weniger kommt es zu einer Eruption oder zu einem Bruch.

Wege aus der (Über-) Identifikation

Zunächst ist es wichtig, wach dafür zu werden, dass das aktuelle Thema etwas mit der eigenen Identität zu tun hat. Das zu erkennen ist bereits der erste Schritt. Dann ist sozusagen ein Beobachter installiert, der anfängt, die Gedanken und Gefühle wahrzunehmen und zu benennen. Der innere Beobachter schafft allein durch seine Anwesenheit Distanz zum Geschehen, weil er hilft, sich selbst wahrzunehmen. Die Identifikation stellt Nähe und Bindung her und sagt so etwas wie: oh mein Gott ich bin so gestresst. Das ganze Ich ist völlig mit dem Gefühl des Stresses identifiziert. Bei der Des-Identifikation wird der umgekehrte Weg gegangen in dem das, was verschmolzen ist, wieder getrennt wird. Sie würde sagen: ich beobachte meine Gedanken und spüre, dass mein Körper unruhig ist. Das ist ein Prozess der Differenzierung, in dem ein Mensch ganz bewusst lernt, sich von bestimmten Gedanken, Gefühlen, Rollen, Glaubenssätzen, inneren Bildern oder Atmosphären zu trennen und sich von diesen gegebenenfalls zu verabschieden.

Identifikation als Anprobe-Möglichkeit neuer Verhaltensweisen

Identifikation kann auch als ein lebenslanger, lebendiger Prozess betrachtet werden. Ein immer wieder Überprüfen, was jetzt zu einem passt. Ein probeweise „Anziehen“ fremder Verhaltensweisen, als würde man ein Kleidungsstück anprobieren und überprüfen, ob es einem steht und zu einem passt. So lassen sich theoretisch auch verschiedene Identitäten annehmen und auch wieder ablegen, um dem eigenen Ich immer wieder aufs Neue ein Stückchen näher zu kommen.

Weitere Artikel

  • Es gibt verschiedene Wege, Deine Innenwelt besser kennenzulernen: Meditation, Yoga, Tagebuch-Schreiben, Träume aufschreiben, Dich in Tanz oder Kunst ausdrücken, Coaching, Therapie und viele mehr. Finde heraus, was zu Dir passt.
  • Den inneren Beobachter Du kannst Dir wie einen inneren Scheinwerfer vorstellen, den Du einschaltest, um Dir bewusster darüber zu werden, was Du denkst, erlebst und fühlst.
  • Je mehr Du Dich damit beschäftigst, desto leichter wird es Dir fallen, Dich selbst zu beobachten. Übung macht auch hier den Meister, beziehungsweise die Meisterin.
  • Sei milde mir, wenn es Dir vor allem in sehr emotionalen Situationen nicht gleich oder nicht so gelingt
  • Abtrauern ist ein emotionaler Vorgang, bei dem Trauer gefühlt und ausgedrückt wird. Stückchen für Stückchen.
  • Dieser Ausdruck beinhaltet, dass Trauer ein Prozess ist, der in mehreren Etappen abläuft.
  • Trauer ist die menschliche Reaktion auf Verlust und es braucht Zeit, um nach und nach das Verlorene beweinen und loslassen zu können.
  • Wenn einem die Trauer und der Verlust am Anfang wie ein riesiger Berg vorkommt, so besagt dieser Begriff auch, dass er Stück für Stück ein bisschen kleiner wird.
  • Abtrauern ist also ein sich Verabschieden durch Trauer mit dem Ziel, das Thema endgültig abschließen und frohgemut weiterleben zu können.
  • Denn etwas verlieren bedeutet auch, dass etwas anderes, das von mir getrennt ist, wegfällt und ich, davon unberührt, mein Leben fortsetze.
  • Die Identität, oder einen Teil der Identität zu verlieren, ist ein äußerst verwirrender und schwer zu ertragender Zustand.
  • Alles, oder ein Teil, von dem der Mensch geglaubt hat zu wissen, wer er ist und was ihn ausmacht, bricht weg oder wird in Frage gestellt.
  • Das kann Gefühle der inneren Leere erzeugen und wirkt sehr bedrohlich.
  • Auslöser können traumatische Erfahrungen, große Umbrüche im Leben, psychische oder physische Erkrankungen oder tiefgreifende Erkenntnisprozesse sein. Zum Beispiel wenn man merkt, dass man sich an fremde Erwartungen übermäßig angepasst hat.
  • Ein ganz (oder teilweiser) Identitätsverlust geht häufig mit dem Gefühl einer enormen Verletzlichkeit einher.
  • Mir scheint es eine Verbindung zwischen Überidentifizierung und Ideologie zu geben.
  • Die eigene Weltanschauung kann, ohne dass es einem Bewusst wird, meist schleichend zu einer Ideologie werden, die unverrückbar zu sein scheint. So muss es sein, sagt die Ideologie, ohne andere Sichtweisen zulassen zu können und verrennt sich dabei in ihre eigenen Ideen, ohne es selbst zu merken.
  • Die Ideologie scheint außerdem sowohl den gesunden Menschenverstand, als auch das Herz auszuschalten, das mit dem Andersartigen noch mitfühlen könnte. Als gäbe es keinen Rückwärtsgang, strebt die Ideologie stetig vorwärts, leider meist ohne Rücksicht auf Verluste. Alles hat sich ihr unterzuordnen.
  • Haben wir es mit einer Ideologie zu tun, zählen weder Gegenargumente, noch warnende Zurufe oder berechtigte Zweifel. Sie werden einfach vom Tisch gewischt, vielleicht sogar verleugnet.
  • Das lässt keinen fruchtbaren Dialog mehr zu, bei dem unterschiedliche Ansichten ausgetauscht werden und verhindert damit auch die Möglichkeit, den eigenen Standpunkt noch einmal zu überdenken.
  • Wer sich mit einer Ideologie identifiziert hat, hat auch viel zu verlieren, nämlich die eigene Identität, oder zumindest ein Stück davon. Denn von einer Ideologie, in die man sich verrannt hat, wieder ablassen zu können, erfordert die Fähigkeit und den Mut, sich selbst in Frage zu stellen und auf gewisse Weise wieder neu definieren zu können.
  • Mit Hilfe von Narrativen, also sinnstiftenden Erzählungen, lässt sich Identität herstellen.
  • Je nachdem, wie jemand über seine Erlebnisse und Erfahrungen spricht, können diese Erzählungen in ihm (immer m/w/d) Gefühle von Kohärenz (also einer sinnhaften Verknüpfung) und Kontinuität (einer Verbindung auf der Zeitachse) erzeugen. So lassen sich auch Brüche im Leben gut integrieren.
  • Narrative können, wie ein roter Faden, Verbindungen erzeugen und das Selbstbild formen: Ich bin das, was ich über mich erzähle.
  • Was für das Individuum gilt, ist auch kollektiv möglich, also in der Familie, im Freundeskreis und in der Gesellschaft: über Narrative lassen sich Verbindungen herstellen, sie können motivieren, aber auch manipulieren.
  • Narrative eigenen sich leider hervorragend zur Manipulation, da sie quasi für alle die Dinge auf dieselbe Weise einordnen, einen (dann vorgegebenen) Sinn mitliefern und gleichzeitig ein Gefühl der Zugehörigkeit stiften.
  • Werden Narrative gezielt zur Manipulation eingesetzt, stellen sie einen Sachverhalt meist nur auf eine Art und Weise dar. Sie zeichnen sich dann durch Schwarz-Weiß-Denken aus, durch das Einteilen in richtig und falsch, Gut und Böse. Auch scheint es dann um Zugehörigkeit zu gehen: entweder drin oder draußen.
  • Menschen, die bereits als Kinder manipuliert, verunsichert und verwirrt wurden, sind dafür leider besonders anfällig. Ihnen fällt es häufig schwerer, hinter die Kulissen zu blicken und zu erkennen, dass Narrative nur bedingt mit der Realität zu tun haben können (zum Beispiel nur einen Ausschnitt zeigen).
  • Wer beginnt, das ihm erzählte Narrativ zu hinterfragen, kommt früher oder später zu der Frage nach der eigenen Identität: wer bin ich, wenn ein Teil von dem, was mir erzählt wurde, möglicherweise gar nicht oder nur teilweise stimmt?

 

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