Cinderella - ein wahrgewordener Traum?
Cinderella lebt in einfachen Verhältnissen und wird sowohl von ihrer Stiefmutter, als auch von den Stiefschwestern erniedrigt, während ihr leiblicher Vater wegschaut oder zumindest nicht eingreift. Alleine diese Passage wäre bereits eine psychologische Analyse wert, doch darum soll es hier und heute nicht gehen. Also spulen wir weiter vor. Wie wir wissen kommt es zu dem Ball, auf dem der Prinz seine zukünftige Braut auswählt. Cinderella erhält unter magischen Umständen Zutritt zu dem Ball, flieht aber, bevor der Prinz sie wirklich ansprechen kann. Sie verliert dabei ihren Schuh, mit dessen Hilfe sie der Prinz später identifiziert. So kommt es zu einem Happy End, das für Märchen so typisch ist.
Und dann leben sie bis an ihr Ende glücklich und zufrieden?
Märchen scheinen nach wie vor eine große Faszination auf uns Menschen auszuüben. Sie werden immer noch über Generationen hinweg weitererzählt und variiert. So wird aus dem Märchen Aschenputtel der Gebrüder Grimm[1] im Laufe der Zeit Cinderella. Doch was fasziniert uns so daran? Zum einen erscheint mir die Tatsache ausschlaggebend, dass im Märchen alles möglich ist und Träume wahr werden. Da können selbst ein Prinz und ein einfaches Mädchen heiraten, die als Magd ihrer Familie gehalten wird. Zum anderen können wir uns sicher sein, dass es am Ende immer ein Happy End gibt, in dem dann die Protagonisten auch noch glücklich und bis an ihr Lebensende zusammen sind. Das ist natürlich eine Idealvorstellung und ehrlich gesagt wissen wir gar nichts darüber, wie es mit dem Prinzen und der Prinzessin denn wirklich weiter geht. Doch zunächst noch einmal zurück zu den Protagonisten und einigen ihrer Themen in diesem Märchen.
Cinderella knüpft ihren Selbstwert an ein fremdes Urteil
Zum einen ist Cinderella in dieser Geschichte die Auserwählte. Sie zieht mit ihrem Prinzen das ganz große Los und übertrumpft dabei noch nebenbei ihre Konkurrenz. Alle übrigen Frauen des Landes im selben Alter gehen leer aus, auch wenn sie objektiv betrachtet für das Amt einer zukünftigen Königin vielleicht sogar besser geeignet gewesen wären. Das befeuert natürlich Cinderellas Ego und gibt ihr einen Boost im Selbstwertgefühl. Das könnte sie denken lassen: „Wenn der Prinz mich auserwählt hat, dann muss ich ja zweifelsohne wirklich die Schönste, die Beste, also perfekt sein.“ Ganz dünnes Eis. In dem Fall, müsste sie zum einen ständig scannen, wie sie denn nun zu sein hat, um ja alles richtig zu machen. Zum anderen würde sie sich damit der Beurteilung von außen unterwerfen, die ihr rückmeldet, ob ihr das wirklich gelingt. So nach dem Motto: Spieglein, Spieglein an der Wand. Dieser Weg führt geradewegs in die Abhängigkeit. Doch für Cinderella hat zunächst noch etwas ganz anderes oberste Priorität: sie möchte sich aus ihrer misslichen Lage zu Hause befreien lassen. In der Populär Psychologie spricht man vom Cinderella-Komplex[1]. Dieser bezeichnet ein Phänomen, bei dem Frauen unbewusst Angst vor der Eigenständigkeit und der damit verbundenen Verantwortung haben, während sie heimlich auf den Prinzen hoffen, der sie aus der Situation retten und sich um sie kümmern soll. Dass sie sich damit in eine hilflose Opferposition manövrieren, die sie von der Gunst eines Retters abhängig macht, geht ihnen in dem Moment meist (noch) nicht auf.
Rettungsphantasien: was hat der Prinz von Cinderella?
Wir sollten uns zu Recht fragen, was eigentlich der Prinz von der ganzen Sache hat. Er wählt seine zukünftige Frau einzig und allein aufgrund der Passgenauigkeit ihres Schuhs aus. Eine typische Kennenlernphase, in der er prüfen könnte, ob sie wirklich zusammenpassen und ob sie als zukünftige Königin an seiner Seite überhaupt geeignet ist, gibt es nicht. Auch er scheint irgendwie darauf fixiert, die Richtige zu finden und verlässt sich dabei nur auf diesen Schuh. Am Ende kann er die dazu passende Frau identifizieren und heiratet sie vom Fleck weg. Weshalb eigentlich? Die Liebe kann es ja wohl nicht sein, er hat sie auf dem Ball kaum gesehen, geschweige denn Zeit mit ihr verbracht. Doch sein Entschluss scheint bereits dort festzustehen. Was also hat der Prinz davon, Cinderella aus ihrem Elend zu retten? Mal von romantischen Vorstellungen von der Liebe auf den ersten Blick abgesehen. Also nehmen wir einmal an, dass auch der Prinz einen Selbstwert-Boost gut gebrauchen kann. Die Tatsache, dass es allein sein Verdienst wäre, das Mädchen aus der Gosse zu retten und ihr ein märchenhaftes Leben an seiner Seite zu ermöglichen, dürfte sein Ego ziemlich streicheln. Die ganze Aktion wird natürlich mit Zunahme der sozialen Differenz umso bedeutungsvoller. Eine für ihn vorgesehene Frau aus gleichem Stand zu wählen, hätte nicht annährend so viel Potenzial, seine Größenphantasien zu beflügeln. Also genau dieses soziale Gefälle könnte ihm ein ziemliches Machtgefühl verleihen, wenn er dafür anfällig ist. Ehrlich gesagt wäre das dann keine besonders gute Voraussetzung für eine lange und glückliche Ehe, denn Augenhöhe ist das nicht.
Welchen Deal geht eigentlich Cinderella ein?
Denken wir das Märchen weiter, und lösen uns von den romantischen Vorstellungen des ewigen Glücks, kommt Cinderella nach der Hochzeit aus meiner Sicht eher vom Regen in die Traufe. Ja sicher, in ihrer ursprünglichen Familie wird sie mit Füßen getreten und wer sie wirklich ist, spielt dort keine Rolle. Hautsache, sie macht die ihr zugedachte Arbeit und ist ansonsten am besten unsichtbar für die Familie. Durch die Verbindung mit dem Prinzen kommt sie endlich aus diesen Verhältnissen raus und erhält an seiner Seite auch noch eine absolute Sichtbarkeit. Sie wird sich vermutlich zunächst wie im siebten Himmel fühlen. Dennoch dürften sich bei dem ein oder anderen geneigten Leser mittlerweile leise Zweifel eingeschlichen haben, ob das mit den beiden wirklich so eine gute Sache ist. Denn das, was bei Hofe von ihr verlangt wird, kann sie zum Zeitpunkt ihrer Entscheidung überhaupt noch nicht abschätzen. Ihre eigene Art, wie sie ihren Alltag gestaltet, ihre Sprache, Kenntnisse und Fähigkeiten, aber auch ihre Herkunft, haben von einem Tag auf den anderen vermutlich ausgedient. All das wird ihr bei Hofe nichts mehr nützen. So wird Cinderella, statt Linsen, ihre bisherigen Erfahrungen aussortieren müssen, als wäre ihr altes Leben ein zerschlissenes Kleid, das sie nun wegwerfen kann. Hoffentlich schämt sie sich später nicht auch noch für ihre Herkunft. Sie wird sich vermutlich in ihrem neuen Leben wieder fremden Vorstellungen und Regeln unterordnen müssen, sich anpassen und dadurch lediglich die alte Küche gegen das neue königliche Schloss eintauschen. Wieder könnte ihr passieren, dass sie ausschließlich daran gemessen wird, wie gut sie ihre neue Rolle erfüllt. Wie viel Raum ihr dabei für ihre eigene Entfaltung bleiben kann, ist ungewiss. In dem sie in die Verbindung mit dem Prinzen einwilligt, geht sie einen unklaren Deal ein, was sie für dieses Privileg zu leisten hat. Sie wird also auf jeden Fall einen Preis dafür bezahlen, ohne eigentlich genau zu wissen, welchen.
Wie könnte das Märchen weitergehen? Einige Vorschläge
Bleiben wir zunächst bei der angenehmen Vorstellung, dass Cinderella auch zukünftig ihre Wärme und Güte behält und einen wirklichen Unterschied machen kann im Umgang mit den Menschen, denen sie nun begegnet. Wir können hoffen, dass sie es schafft, ihre neue Rolle zur Zufriedenheit der Adeligen und des Volkes auszufüllen und sich selber dabei noch völlig frei zu entfalten. Das wäre schön. Es könnte aber auch sein, dass sie sich schnell an ihre neue Machtposition gewöhnt und nun ihrerseits die Mägde und Bediensteten schikaniert. Eigentlich gar nicht so ungewöhnlich, wenn man bedenkt, welche Erfahrungen sie all die Jahre gemacht hat. Vielleicht wacht sie auch eines Tages aus ihrem Märchen auf und erkennt, wie abhängig sie von der Gunst ihres Prinzen und von all dem Brimborium um sie herum geworden ist, und was sie dafür aufgeben musste. Wer weiß das schon. Und Der Prinz? Wie könnte die Geschichte für ihn weitergehen? Natürlich könnte auch er ein gütiges Wesen besitzen und seine Frau in ihrer Transformation so unterstützen, dass sie sich in ihrer neuen Situation wohl fühlen und entfalten kann. Dann könnte einem glücklichen Leben eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Doch was, wenn auch er eines Tages aus seinem Traum aufwacht? Vielleicht findet er sich dann neben einer Frau wieder, die, wie ein gutes Zirkuspferd, gelernt hat, all die Tricks und Kniffe bei Hofe zu bedienen. Wäre sie dann noch die Frau, die er damals geheiratet hat? Er könnte auch erkennen, dass das Niveau zwischen ihnen doch zu unterschiedlich ist und sich vielleicht nach einer Frau sehen, die seine Hintergrunderfahrungen mit ihm teilen kann. Es wäre aber auch denkbar, dass er sich ihr auch weiterhin überlegen fühlt und sie nie wirklich als ebenbürtig ansehen kann. Das könnte ihn dazu verführen, sich Anerkennung und Bewunderung irgendwann von anderen Damen bei Hofe zu holen, denn für ihn scheint ja alles möglich zu sein. Egal, wie wir es drehen und wenden: betrachten wir all die verschiedenen Szenarien, wird eine lebenslange und harmonische Beziehung auf Augenhöhe eigentlich immer unwahrscheinlicher.
Wie dauerhaft kann so eine Verbindung sein?
Es wird sich also erst erweisen müssen, ob das Paar ihre großen Differenzen wirklich gut überbrücken kann. Ob sich beide auf das Anderssein des anderen einlassen und die unterschiedlichen Erfahrungen ihrer jeweiligen Vergangenheit gut integrieren können. Es wird auch darauf ankommen, wie die Umwelt auf diese märchenhafte Verbindung reagiert. Denn ob diese Beziehung wirklich gut gelingen kann, wird sicher auch ein stückweit davon abhängen, wie offen Cinderella bei Hofe aufgenommen wird oder ob ihre Familie weiterhin versucht, manipulativ Einfluss zu nehmen. Da bleibt uns eigentlich nur zu hoffen, dass es das junge Paar gemeinsam schafft, gesunde Grenzen zu setzen und ihren ganz eigenen Weg zu gehen.
[1] Cinderella basiert auf dem Märchen Aschenputtel der Gebrüder Grimm https://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/aschenputtel
[2] https://lexikon.stangl.eu/24870/cinderella-komplex
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Der Begriff Cinderella Komplex ist ein populärpsychologisches Phänomen und bezeichnet unbewusste Ängste von Frauen, selbständig und unabhängig zu werden. Also eine gewisse Angst vor der eigenen Verantwortung gekoppelt mit einer heimlichen Sehnsucht, von einem Prinzen umsorgt zu werden. Siehe dazu auch https://lexikon.stangl.eu/24870/cinderella-komplex
Cinderella ist abhängig von einem Retter und macht ihr Selbstwertgefühl vom Urteil außenstehender abhängig. Sie hat gelernt, sich über die Maßen anzupassen und es fällt ihr schwer, gesunde Grenzen zu setzen. Wie soll sie da für ihre eigenen Ziele und Wünsche einstehen? Hat sie zusätzlich noch Angst vor der Verantwortung, die wirkliche Eigenständigkeit mit sich bringt, und eine heimliche Sehnsucht, von einem Prinzen befreit zu werden (Cinderella-Komplex), könnte sie das durchaus zum gefundenen Fressen für einen Narzissten machen. Denn Menschen mit narzisstischen Wunden haben meist ausgezeichnete Antennen für die Schwachstellen und heimlichen Sehnsüchte der Cinderellas und sind äußert geschickt darin, sich als Märchenprinz zu erweisen. Also ja, es kann ihr aus meiner Sicht sehr wohl passieren, dass sie irgendwann an der Seite eines Narzissten aufwacht. Siehe dazu auch dieser Artikel https://narzissmus-beziehung.de/cinderella-komplex/
Ich wünsche Cinderella von Herzen, dass sie es von alleine schafft, sich aus der Abhängigkeit, der Unterordnung und der Bewertung von außen zu befreien. Dass sie aufhören kann, sich um die Bedürfnisse anderer mehr zu kümmern, als um ihre eigenen. Dass sie sich mit ihrer neuen Rolle identifizieren kann, ohne sich selbst zu verlieren oder ihre Herkunft zu verleugnen. Hilfreich wäre für sie sicher auch, wenn sie die Dynamiken á la Drama-Dreieck fallen lassen kann, die sie durch ihre Stiefmutter bzw. ihre Stiefschwestern gelernt hat, ohne dieses Muster mit anderen Menschen zu wiederholen. Themen wie Erwartungen an sich selbst und andere sollten aus meiner Sicht von ihr ebenso bearbeitet werden, wie Idealisierung und Abwertung. Im Grunde würde es für sie darum gehen zu lernen, falsche Prinzen zu erkennen, um sich nicht von ihnen verführen oder blenden zu lassen.