Richtig oder falsch?

Wie wichtig es geworden ist, auf der Seite der „Guten“ zu stehen

Was ist nur los mit unserer Gesellschaft? Das frage ich mich in letzter Zeit immer öfter. Alles wird hinterfragt, jedes Wort, jeder Ausdruck auf die Goldwaage gelegt. Oder ist das nur in den Sozialen Medien so? Habe ich die richtige Form genutzt, um möglichst niemanden auf die Füße zu treten? Und, fast noch wichtiger: Ist das Zitat, das ich gerade retweete, einfach aus einer Laune heraus, weil ich der Aussage dieses Menschen in dem Moment zustimme, von einer „richtigen“ Person? Falls nicht, könnte mein Post wieder endlose Diskussionen hervorrufen, vor allem Zurechtweisungen, dass „man“ von so jemandem keinesfalls einen Ausspruch verbreiten darf. Verdammt! Ich will doch den Zitatgeber weder heiraten, noch möchte ich mit ihm befreundet sein. Ich finde einfach in dem Moment diesen einen kleinen Aspekt gut, den derjenige offensichtlich gut auf den Punkt bringt. Für mich. Nicht mehr und nicht weniger. Doch was genau da jemand sagt, darum scheint es überhaupt nicht mehr zu gehen. Viel wichtiger ist, wie diese Person von offizieller Seite gerade eingeordnet wird. Also schau genau hin, mit welchen Aussagen Du Dich in der Öffentlichkeit zeigst, scheint das Gebot der Stunde zu sein.

Bloß nicht zu den Falschen gehören

Dieses Einteilen in richtig oder falsch ist schon enorm hilfreich. Da weiß ich gleich, woran ich bin und kenne mich wieder aus. Auf jeden Fall möchte auch ich auf der richtigen Seite stehen, zu den Guten gehören. Und Mist, wenn ich nicht vorher genau recherchiere, was jemand so macht, dann kann der Schuss schnell nach hinten losgehen. Vor allem, wenn es um heikle Themen geht, bei denen es besonders wichtig zu sein scheint, auf jeden Fall der allgemeinen Meinung anzugehören. Denn hey, zu den Falschen gehören will keiner. Heikle Themen sind auf alle Fälle der Krieg in der Ukraine oder in Israel und Gaza. Am besten die Hände weg davon, wenn Du Dein Profil nicht beflecken willst. Denn wenn Du nur den Anschein erweckst, dass Du zu den Falschen gehören könntest, zack, wirst Du gleich in eine Schublade gesteckt. Geht gar nicht! Ich kenn mich echt nicht mehr aus. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, was da jetzt gerade die richtige Seite ist. Wie ein Tanz auf rohen Eiern. Das sind so komplizierte Konflikte, woher soll ich auch wissen, wer da jetzt Recht hat? Also lieber stumm bleiben und still sein. Ich will ja keinen Ärger. Außerdem kann ich mich da gar nicht entscheiden. Ich fühle einfach mit den Menschen, egal auf welcher Seite sie stehen.

Doch wer sind jetzt eigentlich die Guten?

So genau weiß ich das jetzt auch nicht. Auf jeden Fall geht es darum, bei den heiklen Themen – ha, fast hätte ich Tabus geschrieben – ganz vorsichtig zu sein. Erst mal abtasten, wo der andere steht. Doch das ist in den sozialen Median ja fast unmöglich. Ich habe lang vergessen, wem ich alles mal eine Freundschaftsanfrage bestätigt habe. Und so genau weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, wo diese Menschen denn stehen, politisch meine ich. Das war ja bis vor ein paar Jahren auch noch gar nicht so wichtig. Da gab es einfach verschiedene Meinungen, die konnte man gut finden, oder eben nicht. Aber heutzutage? Wenn es immer um richtig oder falsch geht, um gut oder böse, um alles oder nichts, da wird es dann schnell ganz existenziell. Da ist alles so viel komplizierter geworden, denn jetzt besteht die Gefahr, plötzlich auf der falschen Seite zu stehen, und das könnte ganz schön vernichtend sein. Doch wer sind denn jetzt eigentlich die Guten? Ich finde das gar nicht so einfach, da sich die Grenzen dauernd zu verschieben scheinen. Was ist denn jetzt konform und was nicht? Ich möchte ja auch konform sein. Manchmal. Manchmal aber auch nicht. Nämlich dann, wenn ich einer anderen Meinung bin. Aber ist das noch okay? Oder muss meine Meinung dann weg? Muss ich dann weg?  

Wie gehen wir als Gesellschaft mit unbequemen Meinungen um?

Ich finde, das ist eine wichtige Frage, der wir uns unbedingt alle stellen müssen. Darf das überhaupt noch sein, eine unbequeme andere Meinung? Wie gut können wir aushalten, dass eine andere Person einfach eine so andere Sicht auf dieselben Dinge hat, die mir so gar nicht passen will? Kann ich noch differenzieren, dass die Person zwar eine andere Meinung hat, aber immer noch ein Mensch ist, den ich schätze? Oder verwischen auch hier die Grenzen und ich muss mich von diesem Menschen komplett distanzieren? Denn wenn wir nur noch einteilen können in richtig und falsch, Gut und Böse, dann vollziehen wir eine Spaltung. Dann gibt es nichts mehr dazwischen. Dann fehlt die Palette all der verschiedenen Meinungen, die ich natürlich nicht alle gut finden muss, die aber unbedingt zu einem bunten Gesellschaftsleben dazugehören. Denn stellt euch einmal vor, wie es wäre, wenn all die unbequemen, anderen Meinungen fehlen würden und alle entweder meiner Meinung wären oder draußen stehen würden auf der anderen Seite: dann hätten wir wirklich zwei Lager. Die die mit mir drin sind (weil wir alle dazu tendieren, uns selbst als den Nabel der Welt zu sehen) und die anderen, die eben nicht mehr drin sind, sondern, draußen. Und ja wo ist draußen dann eigentlich?

Was passiert beim Einteilen der Welt in schwarz und weiß, Gut und Böse?

Das Einteilen der Welt in schwarz oder weiß, in Gut oder, Böse, ist eine Spaltung, ein Abwehrmechanismus. Menschen, die die Welt spalten müssen, sind nicht in der Lage, die Welt differenziert und damit integriert zu betrachten. Spaltung dient der Angst-Abwehr und damit der eigenen Sicherheit. Denn Spaltungsmechanismen halten auseinander, was nicht zusammenkommen darf. Meist müssen die als böse definierten Aspekte abgewehrt werden im Innen, wie im Außen. Es ist auch denkbar, dass jemand etwas Gutes, Liebevolles abwehren muss, aber darum soll es hier jetzt nicht gehen. Es geht mir vielmehr um das Prinzip: das, was ich innerlich unbedingt trennen muss, damit ich ausschließlich auf einer Seite stehen kann, die für mich persönlich die Richtige ist, werde ich im Außen ebenso vehement bekämpfen müssen.

Quo vadis Gesellschaft?

Und das ist es, was ich in den sozialen Medien beobachte: es wird nicht mehr diskutiert, es werden keine Argumente mehr abgewogen, sondern es scheint ausschließlich darum zu gehen, den anderen davon zu überzeugen, dass die eigene Position die richtige ist. Das ist weit weg von einem Dialog. Das sind im Grunde Monologe, die sich die Menschen gegenseitig halten, ohne zu merken, dass sie überhaupt nicht mehr in Kontakt miteinander sind. Vor allem, wenn zwei gegensätzliche Meinungen aufeinandertreffen. Die Kommentare, die dann ausgetauscht werden, gleiten schnell ins Abwertende und Verletzende ab. Als ginge es wirklich um alles oder nichts. Hey, möchte ich rufen, lasst es gut sein. Doch nachdenklich macht mich das allemal. Noch dazu, weil Spaltung eine Illusion ist. Ein Hilfsmittel, um sich die Welt einfacher und vermeintlich sicherer zu machen. Doch die unbequeme Wahrheit ist: nichts ist ausschließlich gut oder nur böse. Alles hat mehrere Schichten, Aspekte und Seiten, die es gilt, ebenfalls wahrzunehmen. Nur, wer in der Lage ist, auch andere Sichtweisen in seiner Welt zuzulassen, vor allem solche, die so gar nicht mit den eigenen Werten und Maßstäben übereinstimmen, nur der kann sich ein umfassendes Bild machen. Unbequeme Meinungen aushalten und stehenlassen zu können, ohne sie bekämpfen und „wegmachen“ zu müssen, ist für mich eine Voraussetzung für eine reife Gesellschaft. Vielleicht sogar der wichtigste Bestandteil einer funktionierenden Demokratie.

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