Emotionale Verstrickungen - gefangen im verborgenen im Netz
Verstrickungen sind emotionale Bindungsmuster, die ein Beziehungsgeflecht zwischen mindestens zwei Menschen herzustellen versuchen und für die Betroffenen intransparent bleiben. Der[1] Verstrickende braucht diese heimliche Vorgehensweise, um Sicherheit und Kontrolle in der Beziehung zu erlangen. Er sichert sich darüber also in gewisser Weise seine Machtposition, ohne dabei offen in Erscheinung treten zu müssen. Dieses so erbaute Machtgefällt lässt ein Abhängigkeitsverhältnis entstehen, meist ohne, dass die Betroffenen es merken. Sie erkennen erst dann, verstrickt worden zu sein, wenn sie sich abgrenzen möchten, ihre (Familien-) Rolle verlassen wollen, oder sich auf andere Art aus diesem unsichtbaren Geflecht zu lösen versuchen. Genau dann tauchen bei ihnen plötzlich Scham– und/oder Schuldgefühle auf, die sie sich objektiv nicht erklären können. Sie fühlen sich auf eine emotional zwingende Weise gebunden und erleben meist auch aus ihrem Umfeld Widerstand gegen ihre Loslösungsversuche. Nicht selten lassen sie dadurch ihr Vorhaben sein und verhalten sich wieder so, wie es von ihnen, häufig unausgesprochen, erwartet wird. Damit wird ihr Bestreben nach Individuation, nach persönlicher Weiterentwicklung, vereitelt, als wäre das bei dieser Art der Beziehungsgestaltung gar nicht vorgesehen.
Weshalb verstricken Menschen?
Das ist eine gute Frage und kann sicher nicht ausreichend in diesem Artikel behandelt werden, denn die Motive können sehr vielschichtig sein. Vereinfacht gesprochen könnte dieses Verhalten als ein manipulativer Versuch gewertet werden, Bindung herzustellen und aufrechtzuerhalten, die eigene Machtposition zu festigen, oder auch als Methode zur Erfüllung von heimlich gehegten Wünschen und Bedürfnissen, die auf andere Weise nicht kommuniziert werden können. Wer bereits als Kind in dieses dysfunktionale Beziehungsgeschehen verwickelt wird, bleibt meist auch als Erwachsener im unsichtbaren Netz der Wünsche und Erwartungen seiner Bezugspersonen gefangen. So könnte er vielleicht immer wieder zum Sündenbock werden, obwohl er sich eigentlich nicht mehr in die Machenschaften seiner Familie verstricken will. Oder er übernimmt eins ums andere Mal wieder die Rolle des Caretakers, auch wenn er sich nicht mehr um das emotionale Gleichgewicht in der Familie kümmern möchte. Es sind noch viele weitere Beispiele denkbar.
Verstricken als wiederkehrendes Muster
Gerade weil der Verstrickende diese Methode zur eigenen Bedürfniserfüllung verwendet, können sich Betroffene immer wieder in ähnlichen Situationen und emotionalen Zuständen wiederfinden, die sie so vielleicht gar nicht mehr herbeiführen wollen. Sie scheinen, wie durch eine unsichtbare Hand, an familiäre Themen, Strukturen, Glaubenssätze, Erfahrungen oder Situationen gebunden und nicht selten entwickeln sie ein übermäßiges Verantwortungsgefühl, wollen die Erwartungen anderer nicht enttäuschen. Je mehr sie im Laufe der Zeit ihr Bemühen, sich zu lösen, verstärken, desto deutlicher spüren sie die Stricke, die ihnen bis dahin völlig unbemerkt geblieben sein können. Vielleicht denken sie sogar, dass sie sich freiwillig so verhalten, wie es eigentlich unterschwellig von ihnen gefordert wird. Denn wie bereits erwähnt bleibt verstrickendes Verhalten gern im Verborgenen und zielt auf eine gewisse Abhängigkeit der Betroffenen ab. Echte Individuation und Weiterentwicklung würden dieses Gefüge nur bedrohen. Da es sich um eine erlernte Methode der Beziehungsgestaltung handelt wundert es nicht, dass frühzeitig Betroffene dieses Verhalten als normal verinnerlichen und es in ihre späteren Beziehungen ebenfalls hineintragen können. Dieser Kreislauf lässt sich erst dann unterbrechen, wenn mindestens einem Beteiligten das Muster bewusstwird und ihm außerdem andere beziehungsgestaltende Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Erst dann kann ein echter Veränderungsprozess in Gang kommen.
Verstricken ist eine Grenzverletzung
Es ist bereits deutlich geworden, dass es beim Verstricken auch um Macht und Unterordnung geht, die niemals vordergründig zu Tage treten darf. Denn sonst gäbe es klare Regeln und Gebote, die offen kommuniziert werden könnten. Solange jemand sich gemäß den undurchschaubaren Anforderungen verhält, mag ihm seine Beziehung (Familie) freundlich und zugewandt erscheinen. Interessant wird es erst, wenn er aus der ihm zugedachten Rolle und den damit verbundenen Erwartungen aussteigen will. Denn jegliche Lösungsversuche werden in so einem Geflecht bei den Verstrickenden Ängste aktivieren, die dann ehr zum Festzurren der Leinen führen dürften. Vielleicht erhöht sich auch der psychische Druck, sobald jemand versucht, am Netz zu rütteln. Das macht deutlich, wie wenig Platz in diesem System für wirklich individuelle Wünsche oder eigene Ziele und Bedürfnisse bleibt. Vor allem dann, wenn sie dem errichteten Konstrukt zuwiderlaufen. Was der Betroffene braucht oder will spielt leider nur eine untergeordnete Rolle und seine Grenzen werden im Grunde massiv verletzt. Vor allem Kinder sind extrem loyal gegenüber ihren wichtigen Bezugspersonen und können dieses verdeckte Spiel der unterschwelligen Botschaften und Erwartungen an sie nicht durchschauen.
Warum ist es so schwer, sich aus Verstrickungen zu lösen?
Wer bereits als Kind verstrickt wurde, kann überhaupt nicht erkennen, dass er zur Bedürfnis-Befriedigung seiner Bezugspersonen dient. Er (oder sie) wird ihnen gegenüber Loyalität empfinden und spüren, welche Erwartungen und welches Verhalten von ihm erwartet wird. Dadurch entsteht ein übermäßiges Verantwortungsgefühl gegenüber der Familie und das dringende Bedürfnis, ihre Erwartungen keinesfalls zu enttäuschen. Das erklärt auch die Schuldgefühle, wenn Lösungsversuche unternommen werden. Das wirklich Kritische dabei ist, dass sich die Verhaltensweisen von Betroffenen emotional richtig anfühlen können, obwohl sie ihnen objektiv betrachtet ehr schaden.
Woran kann ich Verstrickungen bei mir erkennen?
Verstrickungen können so vielschichtig sein, wie Menschen kreativ. Außerdem laufen sie heimlich und damit verdeckt ab. Daher ist es schwierig, sie eindeutig zu beschreiben. Was hingegen durchaus erkennbar ist, sind die Auswirkungen, die sie auf Betroffene haben können. Wer sich also über unerklärliche Schuld- oder Schamgefühle wundert, wenn er sich anders verhält oder sich aus Beziehungen lösen will, tut gut daran, zu untersuchen, in was er (oder sie) da gerade drinsteckt. Gefühle von Klebrigkeit, zu nah, zu eng oder Vehemenz des anderen, wenn man sich unvorhersehbar verhält, können ebenfalls Hinweise sein. Verstrickungen haben immer einen Zweck. Wer hat etwas davon, wenn Trennung oder Loslösung nicht zu Stande kommen? Solltest Du als Kind bereits verstrickt worden sein, werde Dir bewusst, dass Du eine gewisse Anfälligkeit für derartige Verhaltensweisen erworben hast. Je klarer Du Dir wirst über das, was Du selber willst, desto weniger kannst Du Dich im Netz von anderen verheddern.
Wege raus aus den Verstrickungen
Werde Dir bewusst, dass Du durch Verstrickungen in ein Abhängigkeitsverhältnis geraden bist. Das, was Dir wirklich hilft, ist Deine Klarheit. Was willst Du selber? Was brauchst Du? Möchtest Du das, was von Dir von Deinem Umfeld erwartet wird, in dem Moment erfüllen? Je klarer Du Entscheidungen für Dich treffen kannst, desto freier wirst Du von alten Abhängigkeiten. Es ist sicher eine gute Idee, wenn Du Dir in der Lösungsphase Hilfe von einem erfahrenen Begleiter oder Therapeuten holst. Wie schon beschrieben wird es unter anderem auch darum gehen, durch ein Tal von (konditionierten) Schuld- und Schamgefühlen zu gehen, was alleine (und unvorbereitet) eher schwierig werden könnte.
[1] Immer m/w/d
Siehe dazu auch folgende Artikel:
- Emotionale Manipulation im Kindesalter
- Methoden und Mechanismen in dysfunktionalen Familien
- Das Drama Dreieck: die Dynamik Verfolger – Opfer – Retter
- Trauma-Weitergabe in die nächste Generation
- Caretaker – wenn Du gewohnt bist, Dich um andere zu kümmern
- What the f* is Scham?
- Täter-Opfer-Umkehr, was für eine verdrehte Welt
- Overthinking – wie stoppe ich meine Gedanken?
- Dissoziation – ein Zustand inneren Weggetreten Seins
- Cinderella – ein wahrgewordener Traum?
- Schuldgefühle, die zum Beispiel sagen könnten: weil ich nicht so häufig da war, geht es meinem Vater jetzt schlecht, obwohl es keine rationalen Gründe dafür gibt.
- Selbstvorwürfe wie: das hätte ich besser machen müssen, mich mehr bemühen sollen.
- Ein übermäßiges Verantwortungsgefühl das etwa sagen würde: ich muss mich kümmern und ich darf die Erwartungen meiner Familie nicht enttäuschen.
- Chronische emotionale Belastungen.
- Psychosomatische Beschwerden wie Stress, Überforderung oder Erschöpfung (die ohne körperliche Ursache bleiben) und nicht anderweitig erklärbar sind.
- Verstrickungen fühlen sich klebrig an, wie der Kaugummi an der Schuhsohle, den man nicht loswird, egal, wie sehr man sich auch bemüht.
- Verstricken ist eine Methode, andere zum Mitspielen im Drama-Dreieck einzuladen, meist in dem ein verdeckter Köder ausgelegt wird.
- Wer den Köder, zum Beispiel einen indirekten Vorwurf, schluckt, hat sich dadurch bereits im Netz verfangen, wenn er (immer m/w/d) anfängt, sich ohne Grund zu rechtfertigen. Damit übernimmt er unbewusst bereits die Verfolger Position.
- Auch Provokationen können verstrickend wirken, wenn sie jemanden dazu bringen sollen, sich zu beschweren, oder aggressiv zu werden. Auch damit würde derjenige auf die Verfolger Position gedrängt und sich auf eine Auseinandersetzung einlassen, die er von sich aus gar nicht begonnen hätte.
- Ein klassischer Verführer erreicht seine Ziele nicht, indem er sie offen kommuniziert. Er bringt vielmehr sein Umfeld mit seinem Charme dazu, in seinem Sinne zu handeln.
- Er hat nicht, oder nur ungenügend, gelernt, sich mit seinen Wünschen und Bedürfnissen offen zu zeigen, vielleicht auch aus Angst vor Zurückweisung oder Ablehnung.
- Im Laufe seines Lebens verfeinert er seine Strategie zu umgarnen und damit die anderen mit einem Lächeln so zu manipulieren, dass sie sich freiwillig für ihn einsetzen, meist ohne es selbst zu merken.
- Ein Verführer hat ein gutes Gespür für Menschen, die empfänglich für seine Avancen sind und hat meist feine Antennen, wie er beim anderen den Fuß in die Tür bekommt.
- Wer sich dabei ertappt, sich immer wieder von destruktiven Dynamiken verführen zu lassen, tut gut daran, sich mit den eigenen Sehnsüchten und Wünschen auseinanderzusetzen. Denn sie sind es, die von einem Verführen subtil angesprochen werden.