Hilfe, mein Vater wird alt! Umgang mit Narzissmus im Alter
Gleich mal vorweg: ich habe höchsten Respekt vor Menschen, die würdevoll alt werden und sich trotz aller Widrigkeiten eine gewisse Zufriedenheit bewahren. Denn wenn wir ehrlich sind, ist das Altwerden per se ein eher schwieriger Prozess. Der Körper verliert seine Zuverlässigkeit und Stärke, die Sinne, das Gedächtnis, die Gesundheit und die Beweglichkeit lassen nach und der eigene Radius verkleinert sich dadurch oft erheblich. Sind die ersten Lebensabschnitte noch von Aufbau, Blüte und Ernte der Früchte der eigenen Arbeit geprägt, wird es im Alter ruhiger, das Leben wird langsamer und leiser. Impulse, Aufgaben und Begegnungen werden weniger und die Menschen sind dadurch mehr auf sich selbst zurückgeworfen. Im Idealfall gelingt es, die unweigerlich stattfindenden Veränderungen zu akzeptieren und darin auch noch schöne Momente für sich zu entdecken.
Was bedeutet Altwerden für einen Narzissten?
Ein Mensch mit narzisstischen Verletzungen[1] ist auf die sogenannte narzisstische Zufuhr angewiesen, eine Quelle unaufhörlicher Bestätigung, Regulierung und Anerkennung. Im Laufe seines Lebens versiegen die Möglichkeiten immer mehr, aus denen eine positive Zufuhr bezogen werden kann. Der Erfolg im Beruf ist Schnee von gestern, die Kinder sind inzwischen groß und sehen in einem wohl eher nicht mehr den Helden. Die eigene körperliche Attraktivität, auf die ein Narzisst meist sehr stolz ist, bröckelt zudem Jahr für Jahr. Der Kreis der Freunde und Familie, die einen noch bewundern könnten wird kleiner und kleiner und meist hat dieser im Laufe der Zeit auch keine Lust mehr dazu. Kein Wunder also, dass sich narzisstisch verwundete Menschen gerade im Alter vermehrt auf die Quellen verlagern, aus denen sie zumindest Aufmerksamkeit und emotionale Reaktionen beziehen können. So fällt auf, dass sie im Alter Streitigkeiten und Konflikte regelrecht provozieren, auch wenn sie dieses Verhalten früher vielleicht nicht so auffällig gezeigt haben. Denn Zorn, Wut, Verzweiflung oder Hilflosigkeit, aber auch Beschämung und Unterwerfung ihres Gegenübers eigenen sich genauso gut als negative Zufuhr. Im Mittelpunkt eines Dramas zu stehen, scheint für narzisstisch verwundete Menschen leider allemal besser, als anderen egal zu sein.
Der Schutz des Selbstwertes wird schwieriger, denn das Selbstbild bekommt Risse
Im Kern geht es für Menschen mit narzisstischen Wunden im Wesentlichen darum, ihren instabilen, verletzlichen und brüchigen Selbstwert zu schützen, ihre Emotionen durch andere regulieren zu lassen, sowie Scham und innere Leere abzuwehren. Im Grunde tragisch, denn sie bleiben auf diese Weise vom Verhalten und den Reaktionen anderer abhängig. Ihr Bild, das sie von sich haben, scheint im Alter immer weniger zur Realität zu passen, denn es beinhaltet meist Attribute wie Kraft, Attraktivität und Stärke. In jungen Jahren braucht es nicht viel, um daran glauben zu können, doch mit Ende achtzig wird es schwierig, sich diesbezüglich selbst noch etwas vorzumachen. Wenn Treppenstufen ein echtes Hindernis darstellen oder der Spiegel einen alten Mann zeigt, kommt niemand mehr umhin, sich die eigene Fragilität und Endlichkeit irgendwann einzugestehen. Bei narzisstisch verwundeten Menschen kann das allerdings dauern, sie klammern sich oft viel zu lange and ihre früheren Vorstellungen von sich selbst. Meist sehr zur Verwunderung, vielleicht auch zum Ärgernis ihres direkten Umfeldes, das den Alterungsprozess bereits jahrelang wahrnimmt und möglicherweise vergeblich versucht, Hilfe anzubieten.
Altwerden wird als Kränkung und Kontrollverlust erlebt
Wie schon weiter oben beschrieben ist das Altwerden für jeden Menschen herausfordernd. Die Lebensumstände ändern sich, die Gesundheit lässt nach und nötige Anpassungen münden tendenziell in einer, wie auch immer gearteten, Reduktion: alles wird weniger. Doch für Narzissten bekommt dieser Prozess eine deutlich größere Bedeutung: ihren körperlichen Verfall nehmen sie kränkend wahr und als existenziell bedrohlich für ihr übersteigertes Selbst, das sie schützen müssen. Es ist aber auch eine Frechheit, dass genau sie dieses verdammte Altwerden so erleben müssen! Hierbei wird klar, wie sehr sich ein Narzisst durch sein Alter verletzt fühlen kann. Schließlich bedeutet es für jemanden, der sein ganzes Leben lang auf Überlegenheit fokussiert ist, eine absolute Unterordnung unter die Gesetzmäßigkeiten des Lebens, an dessen Ende zwangsläufig für alle Menschen der Tod steht. Das kann in ihm Gefühle der Ohnmacht auslösen, wenn er erkennen muss, dass er diesen Prozess weder manipulieren noch verzögern oder aufhalten kann. Ihm entgleitet mehr und mehr die Kontrolle über seinen Körper und vielleicht auch teilweise über sein selbstbestimmtes Leben. Er erlebt vielleicht zum ersten Mal so einen Zustand der absoluten Hilflosigkeit, den er normalerweise tunlichst vermeidet. Und das Schlimmste: es gibt keine Hoffnung auf Verbesserung, denn seine alte Physis, mit der er oft noch identifiziert ist, wird er nicht mehr zurückbekommen.
Narzisstischer Umgang mit Macht
Wer bis hier gelesen hat wird bereits verstehen, wie zwingend narzisstisch verwundete Menschen im Alter versuchen (müssen), zumindest noch ein Fitzelchen Macht auszuüben, um sich wenigstens etwas überlegen fühlen zu können. Ihre häufig fordernde und kontrollierende Art nimmt im Alter tendenziell zu. Das kann für ihre Familienangehörigen, Partner oder pflegende Personen sehr herausfordernd sein. Gerade Gebrechlichkeit und Krankheit eignen sich leider nur zu gut, um Hilfe und Unterstützung einzufordern. Lautstark und vehement oder leise und verdeckt, die Methoden sind hier so vielseitig wie die Menschen. Und wer kann oder will von außen wirklich beurteilen, wo die Grenze zwischen echter Hilfsbedürftigkeit und Manipulation bzw. Machtspiel verläuft? Vielleicht lässt es sich auch gar nicht trennen. Nicht selten werden dabei die Grenzen der Helfenden ignoriert oder untergraben. Zusätzlich emotional unter Druck gesetzt kann sie das ebenfalls in Gefühle der Hilflosigkeit, Überforderung oder vielleicht sogar in einen Burnout führen, wenn sie nicht lernen, sich abzugrenzen.
Empfehlungen für den Umgang mit Narzissmus im Alter
Wer sich um seinen alten, narzisstisch verwundeten, Vater (oder nahen Familienangehörigen) kümmern will, hat meist sowieso viel Verständnis für den Betroffenen, vor allem, wenn er die Caretaker Rolle kennt. Für Helfende ist es daher gerade in solchen Familienkonstellationen besonders herausfordernd, gesunde Grenzen zu setzen. Denn gerade der Mensch, gegen den die Abgrenzung erfolgen soll, ist der Ursprung für eigene, frühe Grenzverletzungen. Damit das möglich ist, braucht es ein Bewusstsein für die frühe Dynamik und eine gewisse Distanz zu den eigenen alten Mustern. Denn diese Person in die Schranken zu weisen, die einen vielleicht zur absoluten Anpassung (und damit zur Selbstaufgabe und Unterwerfung) gezwungen hat, geht häufig mit massiven Schuldgefühlen einher und sollte aus meiner Sicht unbedingt durch eine erfahrene Person begleitet werden. Besonders, wenn emotionale Verstrickungen vorliegen oder emotionale Manipulationen im Kindesalter. Das Kind, das sich um seinen alternden narzisstischen Vater (Mutter, Onkel…) kümmern will, wird außerdem Frustration erleben, weil sich der alte Mensch vermutlich lange gegen sinnvolle Unterstützungsangebote spreizt, da diese dessen Altwerden für alle sichtbar bestätigen. Ein Angehöriger wird auch eine gewisse Trauerarbeit leisten müssen, wenn er erkennt, dass gerade der Mensch, von dem es selbst nie wirklich gesehen wurde, von ihm jetzt ein Kümmern einfordert, das genau auf dessen Bedürfnisse und Wünsche zugeschnitten sein soll. Was für eine Ironie. Dem Helfenden muss also der Spagat gelingen, für sich selbst gut zu sorgen und gleichzeitig für die Person da zu sein, die ihn möglicherweise früher selbst alleingelassen hat, ohne zugewandt auf seine Hilflosigkeit zu reagieren. Das kann das eigene innere Kind massiv auf den Plan rufen. Das sei hier nur erwähnt, wäre aber sicher einen eigenen Artikel wert.
Fazit
Narzissten altern nach meiner Überzeugung selten milde. Ihre Verhaltensmuster werden tendenziell intensiver, nicht schwächer. Pflegende Angehörige tun gut daran, das zu berücksichtigen. Je schneller sie einen realistischen Blick auf die zu betreuende Person und ihr Verhalten entwickeln können, desto besser wird es ihnen gelingen, mit den Herausforderungen umzugehen. Eine (heimliche) Hoffnung, der alte Mensch könne sich (doch noch) ändern, muss unbedingt bewusst gemacht und aufgegeben werden, um sich nicht auslaugen zu lassen oder gar zu verbittern. In dieser Aufgabe steckt aber auch eine Chance, mit der Person in Frieden zu kommen. Ob das möglich wird, entscheiden allerdings viele Faktoren. Und der Schutz der eigenen Ressourcen sollte unbedingt oberste Priorität haben. Es kann daher auch notwendig sein, den Kontakt (wie auch immer geartet) zu reduzieren. Wenn Anzeichen von Erschöpfung auftauchen, rate ich dringend, sich professionelle Unterstützung zu holen.
[1] Immer m/w/d
Lass Dich am besten möglichst gar nicht erst in ein Drama reinziehen. Dafür ist es wichtig, die Köder zu identifizieren, an die Du anbeißt. Worauf springst Du an? Solltest Du Dich schon in einem Tauziehen befinden, stoppe am besten die Unterhaltung. Geht es um Rechthaberei, ein Machtspiel oder nur die pure Lust am Streiten? Nichts davon trägt normalerweise nachhaltig zu einer wirklichen Klärung bei. Ein Hinweis kann sein, wenn sich Treffen nur noch mühsam und schwer anfühlen. Was läuft gerade? Und wie kannst Du es unterbrechen?
Kinder, die von einem narzisstisch verwundeten Menschen großgezogen wurden, sind meist sehr geübt darin, zu erahnen und verstehen, was der Vater (die Mutter, der Onkel…) braucht und möchte. Um sich später in der Betreuung dieser Person gesund abgrenzen zu können, müssen die eigenen Bedürfnisse und Wünsche manchmal wichtiger genommen werden als die des Familienangehörigen. Wer das nicht gewohnt ist, kann sich schnell schuldig fühlen, sich nicht in der von ihm (immer m/w/d) geforderten Art und Weise zu kümmern. In einer Pflegesituation werden nicht immer die Wünsche des Betroffenen eine realisierbare Lösung darstellen. Konflikte sind also vorprogrammiert.
Zunächst sei klargestellt, dass der altwerdende Mensch (soweit er noch bei klarem Verstand ist) voll umfänglich für sich selbst verantwortlich ist. Allein sich das zu vergegenwärtigen kann helfen, die Situation wieder in ein reales Licht zu rücken. Nichtsdestotrotz ist es ein schwieriges Terrain: man hat es ja tatsächlich mit einem alten Menschen zu tun, der immer mehr auf Hilfe von außen angewiesen ist, diese aber möglicherweise verdeckt torpediert oder rundheraus ablehnt. Es kann helfen, immer wieder darauf hinzuweisen, dass auch ein Nichthandeln eine Entscheidung darstellt, die der narzisstisch verwundete Mensch selbst zu verantworten hat.